Unruhen in Tibet
Dilemma für Chinas Führung

Es ist ein Alptraum für die chinesische Führung. Fünf Monate vor den Olympischen Spielen in Peking, bei denen China der Welt eine „harmonische Gesellschaft“ präsentieren wollte, drohen die Unruhen in Tibet in eine Spirale der Gewalt zu münden. Die Rufe nach einem Olympia-Boykott ebben nicht ab. Peking steht mit dem Rücken zur Wand.

HB PEKING. Erst demonstrierten Mönche tagelang friedlich, dann entlud sich wegen der harten Reaktion der Polizei und der Festnahmen die jahrelang angestaute Wut und Frustration der Tibeter, schlug in Vandalismus und einen blinden Rachefeldzug um, dem viele Chinesen in Lhasa zum Opfer fallen. Die kommunistische Führung schickt Soldaten und Panzer, steckt aber in einem Dilemma:

Hält sie sich zurück, könnten sich die Proteste ausweiten. Greift sie aber hart durch, droht ein ähnliches Blutvergießen wie bei dem Tian'anmen-Massaker 1989, das zwangsläufig Aufrufe zu einem Boykott der Olympischen Spiele nach sich ziehen würde.

Nach mehr als fünf Jahrzehnten chinesischer Fremdherrschaft über Tibet rächt sich einmal mehr eine fehlgeleitete Politik der Chinesen in dem größten Hochland der Erde. Ihre Rechnung geht nicht auf: Die tiefreligiösen Tibeter, die sich unterdrückt und wie Menschen zweiter Klasse fühlen, erweisen sich keineswegs dankbar für die wirtschaftliche Hilfe aus China.

Und die neue Eisenbahnlinie nach Lhasa bringt vielleicht den Fortschritt auf das sonst schwer zugängliche Hochplateau, sorgt gleichzeitig aber für eine „zweite Invasion“ von Chinesen. In Lhasa müssen eigens neue Unterkünfte für sie gebaut werden. Die Chinesen kontrollieren nicht nur die Regierung und alle Behörden, sondern auch die Wirtschaft, profitieren am meisten vom Aufschwung, während viele Tibeter arm bleiben.

Tief sitzt auch die gegenseitige Abneigung zwischen beiden Volksgruppen. Ethnische Chinesen beschreiben Tibeter gerne als „ungebildet und schmutzig“, können mit deren tiefer Religiosität nichts anfangen. Umgekehrt empfinden Tibeter die Chinesen als Fremde, die sich wie Herrenmenschen aufführen, aber eigentlich nichts in Tibet zu suchen haben. Gerade in den vergangenen Wochen wurde die „patriotische Erziehungskampagne“ der Mönche und die politische Aufsicht über die Klöster verschärft, was sich ausländische Tibet- Experten mit den bevorstehenden Olympischen Spielen erklären. Ebenso intensivierte die chinesische Propaganda ihre Angriffe gegen den Dalai Lama, was gläubige Tibeter wegen dessen Rolle als Gottkönig empfindlich trifft.

Angeheizt wurde die Stimmung noch durch den Jahrestag des niedergeschlagenen Aufstandes der Tibeter 1959 gegen die Chinesen. Auch steigt die Nervosität der Sicherheitskräfte jedes Jahr im März während der Jahrestagung des Volkskongresses in Peking. So richtig explosiv wurde diese Gefühlsmischung aber erst durch den Beginn der Kampagne exiltibetischer Gruppen in Indien, die Olympia als Chance nutzen wollen, um die Aufmerksamkeit der Welt auf das Schicksal ihres Volkes zu lenken. Die Fernsehbilder von randalierenden Tibetern, von denen einer sogar ein Schwert schwingt, oder Mönchen, die Geschäfte attackieren, werfen aber kein gutes Licht auf die Sache der Tibeter und spielen der chinesischen Propaganda nur in die Hände.

Die brutalen, wahllosen Angriffe auf unschuldige Chinesen in Lhasa bestärken zudem die chinesischen Vorurteile von „wilden“ Tibetern. Und Rufe wie „Sabotiert die Olympischen Spiele“ wird die Mehrheit der Chinesen, die sich auf Olympia freuen, eher dazu bringen, sich hinter der kommunistischen Führung zu scharen. Da fällt es Peking leicht, die Gewalt in Lhasa als lange geplante „Verschwörung“ des Dalai Lama zu beschreiben, der die Welt mit seinen Reden von Gewaltlosigkeit nur täuschen wolle.

Die Konfrontation erscheint vielen Tibet-Experten fast unausweichlich, deutet vielleicht sogar eine gefährliche Abkehr vom gemäßigten Weg des Dalai Lama an, dem ungeduldige und radikale Kräfte unter den jüngeren Exil-Tibetern nicht mehr folgen wollen. Einige sprechen heute schon vom Beginn „eines wahren Aufstandes“ gegen die Chinesen, die wegen der Olympischen Spiele mit dem Rücken an der Wand stünden.

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