Unruhen in Ungarn
Im Land der Lügen

Ungarn ist noch weit von einer orangefarbenen Revolution wie in der Ukraine entfernt. Aber die Krawalle setzen der Regierung heftig zu. Es sind dies die schlimmsten Ausschreitungen seit der Unabhängigkeit. Auf Spurensuche in Budapest. Eine Handelsblatt-Reportage.

BUDAPEST. „No Sex?“ fragt die junge Zigeunerin nahe der Donau und stöckelt auf ihren Highheels Richtung Brücke. „No Sex! Revolution!“ lautet die Antwort. Da weist sie den Weg die Donau weiter hoch und stolziert im Nieselregen unter ihrem Schirm davon.

Je weiter man in die Stadt kommt, desto lauter werden die Stimmen: „Nieder mit den Lügnern! Weg mit der Regierung!“ Doch vor dem Parlamentsgebäude, einem im neogotischen Stil errichteten Wahrzeichen Budapests, wo am Dienstagabend wieder über 10 000 Demonstranten ihrer Wut über das Lügen-Kabinett des Regierungschefs Ferenc Gyurcsany Luft gemacht haben, lungern jetzt gerade noch 150 Gestalten herum. Sie schwenken die rot-weiß-grüne Fahne der Magyaren.

Es ist ein Uhr nachts, und der Mob hat sich in die Altstadt verschoben – etwa vor das Hauptquartier der regierenden sozialistischen Partei in der Josephstadt. Dort stecken Hooligans gerade einen Skoda Oktavia der Polizei in Brand. Die mit Helmen und Schlagstöcken bewehrten Beamten halten mit Wasserwerfern und Tränengas die Steine werfenden Krawallmacher in Schach. Eine berittene Einheit jagt flüchtenden Randalierern nach. Demonstranten werden festgenommen, einige entkommen, als vermummte Jugendliche ihnen mit Steinwürfen „Geleitschutz“ verschaffen.

Jagdszenen in Budapest. Es sind dies die schlimmsten Ausschreitungen in Ungarn seit der Unabhängigkeit. Auslöser der Unruhen war die Veröffentlichung eines Tonbandprotokolls aus einer Fraktionssitzung der regierenden Sozialisten (MZSP). Demnach sagte der Ministerpräsident kurz nach der Parlamentswahl vom 23. April, er habe die Öffentlichkeit über den Zustand der Wirtschaft belogen, um seine Wiederwahl zu sichern. Seit der Veröffentlichung der Bänder vor drei Tagen ist das Volk erbost. Den Forderungen der Demonstranten nach einem Rücktritt der Regierung schloss sich gestern auch Oppositionsführer Viktor Orban vom Ungarischen Bürgerbund (Fidesz) an. Er bezeichnete Gyurcsany als „kranken, lügnerischen Dilettanten“.

Der Regierungschef wies die Forderungen umgehend zurück. „Ich bleibe, und ich erledige meinen Job“, sagte Gyurcsany der Nachrichtenagentur AP.

Die Spurensuche im Land der Lügen führt dabei auch zum imposanten Gebäude des staatlichen ungarischen Fernseh- und Radiosenders MTV. Die Skelette von sieben in Brand gesteckten Autos dampfen noch am Morgen. Das Gelände ist weiträumig von einer Hundertschaft Polizisten abgesperrt. Die Staatsmacht wird zur Touristenattraktion. Als der gelbe Bus mit den ausländischen Besuchern auf der Stadtrundfahrt vor den qualmenden Autos hält, werden die Polizisten aus dem offenen Verdeck hundertfach geknipst.

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