Unterernährung
Hunger bleibt weltweit Problem Nummer eins

Das Ausmaß des Hungers ist gigantisch: Rund eine Milliarde Menschen weltweit werden nicht satt, jedes Jahr sterben mehrere Millionen Männer, Frauen und Kinder an Unterernährung. Der Hungergipfel in Rom soll nun Lösungen liefern. Allerdings verschärft sich das Problem ständig – Beispiel wie Nigeria und Vietnam zeigen jedoch, welche Maßnahmen wirklich helfen können.
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GENF. Das Ausmaß des Hungers ist gigantisch: Rund eine Milliarde Menschen weltweit werden nicht satt, jedes Jahr sterben mehrere Millionen Männer, Frauen und Kinder an Unterernährung. „Das ist nicht akzeptabel“, sagte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zum Auftakt des Hungergipfels der Vereinten Nationen am Montag in Rom. Zumal „die Welt mehr als genug Lebensmittel hat“, so Ban. Auch der Papst sprach den Delegierten ins Gewissen: „Hunger ist das grausamste und konkreteste Zeichen der Armut“, erklärte das Kirchenoberhaupt.

Nur: Das Hungerproblem droht sich weiter zu verschärfen. Denn immer mehr Menschen drängen sich auf dem Planeten. Nach Uno-Schätzungen steigt die Weltbevölkerung von derzeit rund 6,8 Milliarden Personen auf über neun Milliarden Personen zur Mitte des Jahrhunderts.

Um diese Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen, verlangt die Uno-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation (FAO) massive Investitionen in kleine Agrarbetriebe der armen Länder. Rund 44 Mrd. US-Dollar jährlich müssten die Länder dafür aufbringen. Zunächst hatte die FAO gehofft, dass die Regierungen in Rom konkrete finanzielle Zusagen machen. Doch in der Abschluss-Erklärung fehlen entsprechende Verpflichtungen. Rund 85 Prozent aller Landwirte haben kleine Höfe mit weniger als zwei Hektar Land – etwa zwei Milliarden dieser Kleinbauern produzieren Nahrungsmittel.

Dass ausreichende finanzielle Mittel gepaart mit einer langfristigen Strategie Erfolge bringen, belegt die FAO an vier Beispielen: Armenien, Brasilien, Nigeria und Vietnam. In Armenien führte die Regierung 1998 eine Politik zur Stärkung des Privatsektors ein: Experten schulten Bauern in Bereichen wie Technik und Management, die Landwirte erhielten auch besseren Zugang zu Krediten. Die gezielte Förderung der Agrarbetriebe trug wesentlich zu einem Etappensieg im Kampf gegen den Hunger bei: Zwischen 1991 und 2005 schrumpfte die Zahl der Unterernährten um 60 Prozent.

Auch in Nigeria setzt die Regierung seit 2001 auf eine nachhaltige Förderung der Landwirtschaft; in dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas arbeiten 70 Prozent der Erwerbstätigen im Agrarsektor. Fachleute unterrichten Kleinbauern, wie sie vom Anbau nur einer Frucht auf den Anbau von drei Früchten umsteigen. Der Erfolg blieb nicht aus: Der Anteil der Unterernährten sank von 15 Prozent im Jahr 2001 auf acht Prozent 2005.

In Vietnam konzentriert die Regierung viele Ressourcen auf den Ausbau und die Modernisierung der Infrastruktur. Auch lernen die Bauern verbesserte Anbaumethoden und sie profitieren von ausgeklügelten Bewässerungssystemen.

Brasiliens Regierung startete 2003 ihre nationale Kampagne gegen den Hunger: Die Ärmsten erhalten unter Auflagen finanzielle Mittel. Volksküchen versorgen die Einkommensschwachen, und eine Aufklärungsaktion weist auf die Vorteile gesunder Nahrung hin. Zudem gibt die Regierung kleinen Farmern Abnahmegarantien für ihre Produkte. So sank auch in Brasilien der Anteil der Unterernährten zwischen 2001 und 2005 von zehn auf sechs Prozent. Kritiker betonen jedoch, dass die Politik der Geldtransfers die Eigeninitiative der Empfänger untergrabe.

Auch die FAO verlangt von den Regierungen der armen Staaten, dass sie eine nachhaltige Strategie umsetzen. Nur so könne die "Schlacht gegen den Hunger kann gewonnen werden", betonte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf.

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  • In meinen Augen ist der globale Kapitalismus schuld an der Hungermisere. Wir benötigen wir weltweit ein anderes Wirtschaftssystem um den Hunger zu beseitigen. Kuba z.B. schafft es mit seinem im Vergleich niedrigen BIP alle seine Bürger und vor allem Kinder mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Wir brauchen den Sozialismus

  • Vergessen werden darf in diesem Zusammenhang nicht, dass viele Kleinbauern in den Entwicklungsländern der Konkurrenz durch billigprodukte aus der industrialisierten Landwirtschaft des Westens nicht gewachsen sind. bekanntes beispiel ist der Export von billigen Hähnchenteilen aus der EU nach Westafrika, der kleine und mittlere Geflügelfarmen etwa in Ghana und dem Senegal in den Ruin treibt. Es macht keinen Sinn, kleine Agrarbetriebe in den Entwicklungsländern zu unterstützen, wenn sie wegen der Subventionspolitik des Westen nicht einmal eine Chance auf den heimischen Märkten haben, geschweige denn auf dem Weltmarkt.

    Thomas Nitz, berlin

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