_

Unternehmen denken um: Rückkehr zur Drachme kennt auch Gewinner

Griechenlands Austritt aus der Eurozone wäre ein gravierender Schritt. Jedoch nicht zwingend für alle Firmen. Manche würden von einem solchen Szenario sogar profitieren.

von Lothar Schnitzler, Jürgen Berke, Rüdiger Kiani-Kress und Christian Schlesiger Quelle: Wirtschaftswoche Online
Auf den griechischen Tourismus würde sich die Einführung der Drachme positiv auswirken. Quelle: dpa
Auf den griechischen Tourismus würde sich die Einführung der Drachme positiv auswirken. Quelle: dpa

AthenFür einen Manager in einem Krisenland ist Stavros Pagalidis erstaunlich gelassen. „Das Geschäft läuft nicht schlecht, vor allem das Solargeschäft geht so richtig gut“, sagt der Chef von DMG South East Europe, einer Tochtergesellschaft des Maschinen- und Solartechnikherstellers Gildemeister aus Bielefeld. Selbst das Szenario einer Wiedereinführung der Drachme lässt den Manager kalt, dessen Büro unweit des Hafens von Thessaloniki liegt.

Anzeige

Der Grieche in deutschen Diensten glaubt zwar nicht an einen Ausstieg seines Landes aus dem Euro. Falls aber doch, wäre ihm nicht bang. Denn seine hellenischen Kunden sieht er sowohl auf der Gewinner wie auf der Verliererseite – und damit das eigene Geschäft kaum berührt.„Die mit der Abwertung der Drachme einhergehende Verteuerung der Importe würde durch die größeren Exportchancen ausgeglichen“, beschreibt Pagalidis die Situation seiner Abnehmer in Griechenland, „da gäbe es eine neue Balance.“ Die Gelassenheit des Gildemeister-Managers zieht sich, was Griechenland angeht, durch den gesamten deutschen Maschinenbau.

Denn in dem Ägäis-Staat generierten die hiesigen Hersteller im vergangenen Jahr ganze 369 Millionen Euro, das sind 0,3 Prozent ihres Branchenumsatzes. „Ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone hätte unmittelbar keine nennenswerten Folgen für uns“, sagt auch Wolfgang Schmitt, Chef des Pumpenherstellers KSB im pfälzischen Frankenthal, der fünf Millionen Euro in Griechenland umsetzt – 0,25 Prozent des Gesamtumsatzes.

Ratingagenturen Griechische Tragödie in sieben Akten

  • Ratingagenturen: Griechische Tragödie in sieben Akten
  • Ratingagenturen: Griechische Tragödie in sieben Akten
  • Ratingagenturen: Griechische Tragödie in sieben Akten
  • Ratingagenturen: Griechische Tragödie in sieben Akten

Auch für andere Branchen hielten sich die negativen Folgen einer Wiedereinführung der Drachme mit anschließender Abwertung in Grenzen. Schlimmstenfalls einen kleinen zweistelligen Millionenbetrag verspürte dann zum Beispiel der Essener Baukonzern Hochtief in seinen Büchern. Dem Konzern gehören 40 Prozent am Flughafen Athen. Das Flughafengeschäft, zu dem neben Athen auch Anteile an den Airports in Hamburg, Düsseldorf, Sydney und Budapest gehören, will Hochtief sowieso loswerden.

Der Flughafen Athen zählt sowohl beim Service als auch beim Gewinn von knapp 100 Millionen Euro nach Steuern, was einer Marge von 27 Prozent entspricht, zu den besten in Europa. Eine schwache Drachme zwänge Hochtief wohl zu gewissen, vermutlich aber nicht sehr hohen Abschreibungen auf den Wert des Airports.

Auf den griechischen Tourismus würde sich die Einführung der Drachme positiv auswirken. Eine Abwertung brächte in Euro gerechnet eine Verbilligung des Urlaubs in der Ägäis. Griechenland könnte so gegenüber Konkurrenten wie Spanien oder der Türkei kurzfristig punkten. Ob sich das auch für die Reiseveranstalter auszahlt, ist jedoch ungewiss. Wenn Urlauber griechische statt iberische Inseln vorziehen, ist das für die Veranstalter zunächst ein Nullsummenspiel. Anders wäre es, wenn die Abwertung der Drachme einen kräftigen Anstieg der Zahl von Last-Minute-Urlaubern auslösen würde, die neben ihrem Haupturlaub eine zusätzliche Reise buchen.

  • 27.09.2011, 13:31 UhrAnonymer Benutzer: Absatzeinbruch

    Letztendlich zählt doch, ob jemand solvent ist. Und was helfen alle Bestellungen der Welt, wenn der Exporteur nicht bezahlt wird. Natürlich kann man dann die Löhne und beikomstigen Kosten drücken bis zum geht nicht mehr, aber irgendwann geht die Rechnung nicht mehr auf. Und irgendwie ist es schon pervers um jemand zwingen zu wollen immer weiter zu konsumieren, wenn dies über die finanziellen Kräfte geht.
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Betriebe nicht nur Griechenland als Absatzmarkt haben, sondern dass dies nur ein Teil ist. Somit wird es natürlich Einbrüche geben in den Verkaufszahlen, aber ich glaube das ist bei dem jetztigen Szenario das kleinere Übel als die ganze EU pleite gehen zu lassen.

  • 27.09.2011, 13:15 Uhrkleingut

    Im Herbst 1914 waren die Mächte Europas ungeduldig geworden. Man hatte sich schon so lange mit Worten beflegelt, dass die Hemmschwelle, den Worten auch militärische Taten folgen zu lassen, sank. Ein paar Schüsse würden die Luft schon wieder säubern und spätestens zu Weihnachten würde man wieder zurück sein. Weihnachten war es, aber erst 4 Jahre später. Dazwischen lag Zerstörung.

    Die Hemmschwelle, sich in punkto Griechenland auf gefährliche Taten einzulassen, scheint mit jedem Tag zu sinken. Man möge ich nicht mit der Bombe spielen; sie könnte explodieren.

    Ein Euro-Austritt hätte u. a. zur Folge, dass die inländischen Finanzvermögen der Griechen über Nacht um 30-40% weniger wert wären. Griechenland ähnelt nach den bisherigen Sparmassnahmen schon einem Tanz auf dem Vulkan. Wenn das jetzt mit einem dramatischen Vermögensverlust ergänzt wird, glaubt dann wirklich noch jemand, dass der soziale Friede und möglicherweise auch die Demokratie unbeschadet erhalten bleiben?

    http://klauskastner.blogspot.com/2011/09/endspiel-um-griechenland.html

  • 27.09.2011, 12:55 UhrAnonymer Benutzer: Torsten_Steinberg

    Wiedereinführung der Drachme kurz- und mittelfristig vielleicht positiv für TUI, ganz übel für die Telekom. Ansonsten halten sich die negativen Auswirkungen wohl in Grenzen. Und wo sind die Gewinner, die in Ihrer Überschrift so großspurig angekündigt werden?

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Kontrolle weiter abgelehnt: Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Der Iran bleibt beim Atomprogramm stur: Kontrolleuren wird nach wie vor der Zugang zu den Anlagen verweigert - gleichzeitig kündigte die Regierung nun den Bau eines neuen Kernkraftwerks an. Streit ist vorprogrammiert.

Wird Strom teurer?: Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier will mehr Tempo bei der Energiewende. Es ist eine Herkulesaufgabe. Nun drohen auch noch die Kosten auszuufern. Ein Zurück zur Atomkraft soll es aber nicht geben.

Über 90 Tote: Entsetzen über Massaker in Syrien

Entsetzen über Massaker in Syrien

Bei einem Massaker sind in Syrien mehr als 90 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter auch viele Kinder. Die entsetzte internationale Gemeinschaft fordert erneut ein Ende der Gewalt - doch das Blutvergießen geht weiter.

Global Reporting Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren... Von Jan Dirk Herbermann. Mehr…

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International