Unternehmen in Rumänien
Wirtschaft will endlich ihre Stärken ausspielen

Rumäniens Wirtschaft starrt gebannt auf die Präsidentenwahl am Sonntag. Denn das monatelange politische Hick-Hack hat die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise auf das Land noch drastisch verstärkt. Im zweiten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt um 8,7 Prozent eingebrochen – schlimmer ist die Lage nur im Baltikum.
  • 0

BUKAREST. Viele der aktuellen Schwierigkeiten seien hausgemacht, kritisieren rumänische Unternehmer. „Dabei bietet das Land weiter großes Potenzial und hat riesigen Investitionsbedarf“, sagt Marko Walde, Geschäftsführer der deutsch-rumänischen Industrie- und Handelskammer, in Bukarest. Aber in der Krise ließen die heillos zerstrittenen Politiker es am notwendigen Fingerspitzengefühl fehlen. So sei zwar verständlich, dass Bukarest kein Geld für Konjunkturprogramme habe, aber fatal sei, dass das Kabinett auch noch falsche Schritte unternommen habe.

So werde durch die Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge, die Einführung einer Mindestertragssteuer und die Streichung der Abzugsfähigkeit für Dienst- und Servicefahrzeuge die ohnehin angespannte Lage auch noch verschärft. Vom Streit mit dem IWF ganz zu schweigen. Die Auslandsinvestitionen, die 2008 noch um 24,5 Prozent auf neun Mrd. Euro angestiegen waren, sanken sie in den ersten neun Monaten diesen Jahres um 49,6 Prozent auf nur noch 3,5 Mrd. Euro.

Immerhin scheint die rasante Talfahrt jetzt gestoppt: Lag der Rückgang der Industrieproduktion zu Beginn des Jahres noch bei 18 Prozent, betrug das Minus im September nur noch vier Prozent. Und Experten erwarten für die Zeit nach der Krise und nach dem Abschütteln der momentanen politischen Verwerfungen gute Perspektiven für Rumänien, das mit einem Einheitssteuersatz von 16 Prozent lockt.

Es sind aber vor allem der zweitgrößte Markt der osteuropäischen EU-Staaten, der anhaltende Konsum, der Nachholbedarf und Infrastrukturprojekte, für die allein 32 Mrd. Euro EU-Fördermittel auf Abruf warten, was Rumänien zu bieten hat. „Unternehmen, die nur billig produzieren wollen, kommen nicht mehr nach Rumänien, die ziehen weiter nach Serbien, Moldawien oder in die Ukraine. Hierher aber kommen Firmen, die den südosteuropäischen Markt im Auge haben und hier eine bessere Infrastruktur als etwa in Bulgarien vorfinden“, sagt Walde.

Paradebeispiel ist da der Autobauer Dacia, der seit der Übernahme durch Renault profitabel wurde und schneller als die meisten Wettbewerber wächst. Die Regierung nennt den Logan „unseren besten Botschafter in der Welt“. Der Produzent der preiswerten Autos namens Logan und Sandero erwirtschaftet zwei Prozent des rumänischen BIP und macht 15 Prozent der Exporte aus.

Inzwischen kommen stetig weitere Erfolgsgeschichten hinzu: Pepsi baut seine größte europäische Cola-Mischerei hier, der tschechische Stromkonzern CEZ errichtet den größten Windpark in der Dobrutscha. Auch die weiten Sandstrände am Schwarzen Meer, die europäische Kulturhauptstadt Hermannstadt (Sibiu) und sehenswerte Schlösser in der hinreißenden Landschaft der Heimat von Graf Dracula bieten ein enormes Wachstumspotenzial für den Tourismus.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Unternehmen in Rumänien: Wirtschaft will endlich ihre Stärken ausspielen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%