Unternehmen
Malta - Bebender Fels

Eine verwilderte Katze beobachtet misstrauisch den Landrover, der den felsigen Hügel über der St. Paul s Bay erklimmt. Hier oben stört nur alle paar Stunden Motorenlärm die Stille, manchmal knallen in der Ferne die Schrotschüsse der Vogeljäger.

HB MALTA. Jan Orsted steuert seinen Wagen auf einen altertümlichen Bau auf der Kuppe zu. Das sei jetzt sein Heim, sagt der Chef der Business Incubator Association Europe (BIA): "Ein traumhafter Platz zum Leben. In unserem Haus wohnte mal ein Großmeister des Ritterordens." Für die Johanniterritter war der Weg nach Malta eher albtraumhaft. Muslimische Heere hatten sie nach langem Ringen aus Palästina vertrieben. Aber nachdem die "Soldaten Christi", wie sie sich nannten, die verarmte Mittelmeerinsel 1530 in Besitz genommen hatten, verhalfen sie ihr zu neuer Blüte als Handelszentrum. Und vom Panoramablick auf dem Hügel waren sie ebenso angetan wie Orsted. So sehr, dass sie genau dort eine Sommerresidenz errichteten.

Der Landrover stoppt. Im Hauseingang steht Orsteds Frau Hanne. Der Däne klettert aus dem Geländewagen. Er trägt bequeme Sportschuhen, Shorts und Polohemd. Das blonde Haar ist noch heller geworden, seit der 36-jährige es der maltesischen Sonne aussetzt. Orsted ist kein Aussteiger. Eher ein Aushängeschild. Protagonist einer internationalen New-Economy-Szene, die zunehmend Gefallen am Standort Malta findet. Seit Juni leitet Orsted die BIA, einen Inkubatorenverband, ins Leben gerufen von den Köpfen mehrerer europäischer Brutstätten für Internet-Startups. Bisher zählt der ehemalige Filmemacher und Fernsehproduzent zehn Mitglieder in seinem Verband, darunter Gorilla Park (Niederlande), NewMedia Spark (Großbritannien), Atviso (Frankreich) und Startupfactory (Schweden). Bald seien es 25 Inkubatoren weltweit, die pro Jahr einen Beitrag von 25 000 Dollar zahlten, so Orsted. Dafür sollen ihre Portfolio-Unternehmen eine Vielzahl von Dienstleistungen erhalten von exklusiven Kontakten zu Konzernmanagern bis zu Praktika und Bildungsprojekten für unerfahrene Gründer.

Die BIA hat ihr Hauptquartier auf Malta einer trockenen, spärlich bewachsenen Felsscholle im Mittelmeer, nicht einmal halb so groß wie Rügen. Historie gibt es im Überfluss, aber nur einen winzigen Binnenmarkt von gerade 376 000 Menschen irgendwo zwischen Sizilien und Libyen. Und eine boomende internationale Wirtschaft Über 200 ausländische Unternehmen haben hier ihren Sitz. Deutsche sind mit einem knappen Viertel davon neben den Italienern die eifrigsten Investoren. Größter deutscher Arbeitgeber ist der Hersteller der Playmobil-Spielzeugfiguren, geobra Brandstätter, mit rund 800 Angestellten. 1700 Menschen arbeiten für den französischen Chipproduzenten ST Microelectronics.

Was aber zieht die Unternehmen hierher? Der Inselstaat lockt mit starken Investitionsanreizen. Unternehmensgründer, die auf den internationalen Markt zielen, bleiben zehn Jahre lang von Steuern verschont, können extrem günstige Finanzierungsmodelle in Anspruch nehmen und Gebäude zu minimalen Preisen mieten. Zudem ist Malta noch nicht EU-Mitglied und damit nicht an die EU-Datenschutzrichtlinien gebunden. Internet-Händler müssen sich zwar grundsätzlich an das Datenschutzgesetz des Landes halten, in dem der Kunde sitzt. Doch die meisten Experten sind sich darüber einig, dass die tatsächliche Praxis kaum überprüfbar ist, wenn Internet-Unternehmen ihre Server in rechtlichen Sonderzonen wie Malta aufstellen. Allein technisch ist es ein leichtes, die marktstrategisch so wertvollen Surf-Verhaltensprofile von Internet-Nutzern herzustellen.

Die Malteser richten ihren Arbeitsmarkt zunehmend an den Bedürfnissen der internationalen Internet-Wirtschaft aus. Die Insel hat keine nennenswerten natürlichen Ressourcen. "Unser Überleben hängt am Bildungsstand unserer Arbeitskräfte", betont Wirtschaftsminister Josef Bonnici. Waren an der Universität von Malta vor zehn Jahren noch 1000 Studenten eingeschrieben, sind es heute über 7000. Noch entlässt die Uni pro Jahr 100 Informatiker in den Arbeitsmarkt, doch die Zahl soll steigen. Zusätzlich bietet die Regierung gratis sechs-bis neunmonatige Programmierkurse an. Bonnici: "Dadurch müssen die Leute nicht emigrieren, um gute Jobs zu finden. Die Firmen kommen zu uns."

Wie der Starnberger Internet-Marktplatzbetreiber DCI. Anfang des Jahres eröffnete das Neue-Markt-Unternehmen auf Malta eine Niederlassung mit zehn Programmierern. Sie entwickeln DCIs Extranet-System TradeManager weiter. DCI-Gründer Michael Mohr ist begeistert: "Malta nimmt das Internet viel ernster als wir. Auf der Insel gibt es viele erfahrene Software-Entwickler, die uns nur die Hälfte oder ein Drittel deutscher Entwickler kosten."

Maltas Bonus gegenüber einem Software-Standort wie Indien ist seine geographische und kulturelle Nähe zu Westeuropa. Nächtliche Telefonate entfallen, denn die Insel liegt in derselben Zeitzone wie Deutschland. Zwei Stunden brauchen Flugzeuge von Frankfurt zum Malta International Airport. Dazu kommt ein weiterer Trumpf: die Sprache. Über 200 Jahre britischer Herrschaft legten den Grundstein zu dem hervorragenden Englisch, das nahezu jeder Malteser spricht. Malta profitiert seit Jahren von einen florierenden Sprachreisen-Tourismus. Begeisterung löst bei Neu-Maltesern auch das überwiegend milde Klima aus. Besonders Nordeuropäer wie Jan Orsted fühlen sich angezogen

.

Der Schwede Ronnie Sjoelander etwa zog mit seiner Internet-TV-Reiseagentur www.travel in einige miteinander verbundene Appartments nahe der Universität. Die engen Räume strotzen vor PCs und Fersehtechnik. Dazwischen drücken sich Malteser, Russen, Deutsche, Polen und Briten aneinander vorbei. Über den Satelliten Eutelsat Hotbird 5 deckt www.travel mit seinem Touristikprogramm einen Radius von Skandinavien bis Nordafrika ab. Die Sendungen verweisen die Zuschauer auf Reisen, die sie auf dem mehrsprachigen Internetportal des Startups buchen können. Sjoelander fiebert dem technologischen Verschmelzen von TV und Internet entgegen. Italien, Deutschland, Skandinavien und Osteuropa sind seine ersten Zielmärkte.

Die deutschsprachigen Inhalte bearbeitet die 26-jährige Kölnerin Anja Bärhausen, die "eigentlich nur ein paar Monate" bleiben wollte, an der Universität Malta visuelle Kommunikation studierte und nun schon seit sieben Jahren auf Malta lebt. Mit ihren maltesischen Kollegen komme sie gut aus, versichert sie. Deren zurückhaltende britische, aber trotzdem mediterran lässige Art habe sie schätzen gelernt. " Aber manchmal fühle ich mich auf der kleinen Insel schon eingeengt", gesteht sich die Deutsche ein. "Dann haue ich einfach für ein Wochenende ab nach Köln."

´

Ein anderes von einem Schweden gegründetes Projekt ist das Wettportal Unibet. Mehrere solcher Portale werden von Malta aus betrieben und verdienen am Sport-Wettfieber im Internet, das insbesondere in Großbritannien und Skandinavien ausgebrochen ist. Das gesamte Wettgeschäft werde sich immer stärker ins Internet verlagern, prophezeit Unibet-Gründer Anders Strom. Pikantes Detail: Auf Malta selbst ist das kommerzielle Wettgeschäft verboten, kein Malteser darf bei Unibet auf Pferde setzen.

Auch ganz andere Gründe als Geld und Internet führen Ausländer auf die Insel. Die internationale Szene um BIA bestehe nur zum Teil aus originären Internet-Freaks, gibt Jan Orsted zu: "Viele kamen zuerst des Tauchens wegen. Aber dann erkannten sie, dass man auf Malta auch gut arbeiten kann." Es sei eine besondere Sorte von Leuten: "In den Sechzigern wären wir Hippies gewesen." Unter Tauchern stehen die Gewässer um Malta im Ruf, eines der spannendsten Reviere der Welt zu sein zu dieser Popularität hat ihnen die Flotte versunkener Schiffswracks aus dem Zweiten Weltkrieg verholfen.

Denn die Schlacht um Malta tobte mörderisch. Britische Truppen unterbrachen vom Hafen der Hauptstadt Valletta aus hartnäckig den deutschen Nachschub nach Nordafrika, was Hitlers Lufwaffe mit verheerenden Bombenangriffen quittierte. Noch heute rosten im Boden am Hafenbecken die Reste eingelassener Metallstachel, die die deutschen Fallschirmjäger empfangen hätten.

Maltas Geschichte ist die einer Festung. "Mlt" Zuflucht nannten schon die Phönizier das Eiland, wahrscheinlich "Malet" ausgesprochen. Die Griechen machten daraus "Melite", die Araber schließlich Malta. Die Johanniterritter verschanzten sich gegen die Türken, die Briten gegen jeden, der ihnen das Mittelmeer streitig machen wollte. Zahlreiche unterirdische Gänge auf der Insel Verbindungen zwischen den massiven Kalksteinforts erfüllen heute einen friedlicheren Zweck. Maltacom, die zu 60 Prozent staatliche Telefongesellschaft, hat darin ihre Glasfaserkabel verlegt.

Doch die hohen Telefonkosten sind einer der wenigen Nachteile der Insel. Maltacom versucht, aus ihrer Nähe zu der wichtigen internationalen Kabelschnittstelle Palermo Kapital zu schlagen und sich als internationaler Telekom-Spieler zu positionieren. Als Handicap erweist sich dabei jedoch die Abhängigkeit der Malteser von Telecom Italia. Die Italiener lassen sich die Durchleitung teuer bezahlen. Ein Unternehmen etwa, das permanent zwei Megabit auf dem Glasfaserseekabel zwischen Malta und Palermo verlangt, zahlt monatlich 35 000 Mark an Maltacom. Die Manager des deutschen Telekommunikations- und Internetunternehmen Victorvox entschieden sich deshalb gegen Malta.

Schon 1996 stieg dagegen der Westfale Andreas Gerdes als Berater Maltacoms in das Geschäft auf der "Zuflucht" ein. Später gründete er den Inkubator iWorld Group, in dem heute ein 50-köpfiges Team aus 18 Nationen arbeitet. iWorld soll Startups für das mobile E-Business ausbrüten. Im kommenden Jahr will der 34-jährige, der sich mit seiner Familie nahe einer idyllischen Bucht niedergelassen hat, die ersten Unternehmen vorstellen. Von ihnen spricht er nur vage: "Wir rekrutieren viel aus der japanischen i-mode-Technologie." Dann breitet Gerdes ein Szenario aus. "Warum soll ein Radiohörer Lieder nicht unmittelbar nach dem Hören spontan über das Handy kaufen können?" Er glaubt, dass mobile Technologien dem Internet früher oder später den Rang ablaufen werden.

Gerdes, der sein erstes Unternehmen ABC Telekom an den Hongkonger Konzern Hutchison Whampoa verkaufte, ist in der deutschen Telekommunikationsszene nicht unbekannt. Manche ehemaligen Geschäftspartner sind heute nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Er gilt als dominante Persönlichkeit, die ihr Umfeld in Gegner und Freunde polarisiert, Dinge mit viel Elan anschiebt, sie aber selten zuende führt. "Mein Commitment bei iWorld ist, es so lange zu machen bis es funktioniert", sagt er über sein aktuelles Projekt. Dazu hat Gerdes renommierte Experten wie den Mobilfunkspezialisten Malcolm Ross, ehemals bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little, und den früheren Linklaters-Partner Ian Arstall um sich versammelt. Als Kapitalgeber beteiligte der hochgewachsene Malta-Fan, den Nichteingeweihte leicht für einen Tauch- oder Surflehrer halten könnten, die Deutsche Bank, die Bank of America, Hikari Tsushin Capital und PaineWebber. Insgesamt verfüge iWorld über 90 Millionen Mark, sagt Gerdes.

Wie viele andere Ausländer hat Gerdes seine Büros im an historischen Bauten reichen Valletta eröffnet. Im neu erbauten Bürohochhaus Portomaso Tower im angrenzenden St. Julians residiert seit neuestem auch Global Software Development (GSD), ein Ableger der Münchner Global Consulting Systems. Das Unternehmen entwickelt Datenbank-Lösungen für Audi, Woolworth und Safeway. Ende 2001 will GSD auf Malta bis zu 200 Software-Spezialisten beschäftigen. Einige Schritte voraus ist der britische Intershop- und Oracle-Partner Crimsonwing, der seine Softwareentwicklung von Indien nach Malta verlegte und 120 Programmierer beschäftigt. Der britische Geschäftsführer John Wright schwört auf die maltesischen Entwickler: "Exzellent, zu 80 Prozent Uni-Abgänger. Und im Gegensatz zu Asien ist auf Malta ein Ja ein Ja, und ein Nein ist ein Nein."

Doch die steigende Nachfrage nach Entwicklern besorgt ihn. Immer mehr IT-Unternehmen interessieren sich für Malta. Es werde zunehmend schwieriger, die richtigen Leute zu finden, sagt Wright. Die vielen neuen Bürojobs haben Malta mit dem Hochhaus Portomaso Tower außerdem ein architektonisches Wahrzeichen beschert, über dessen Fremdartigkeit traditionsbewusste Malteser die Köpfe schütteln. Der Platz wird knapp auf der dicht besiedelten Felseninsel. So beginnen die Malteser, ihre Büros in die Höhe zu bauen. Büroetagen brauchen weniger Raum als Industrieanlagen es ist nicht zuletzt der Platzmangel, der den Staat dazu veranlasst, den Schwerpunkt seiner internationalisierten Wirtschaft auf IT zu legen. Das mache sich im Alltag der Bewohner schon bemerkbar, stellt Kevin Valenzia, Partner bei PricewaterhouseCoopers Malta, fest: "Es gibt weniger Schuhmacher und Bäcker in der Stadt."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%