Unternehmen sanieren ohne zu entlassen
Japan sucht den Kapitalismus ohne Gier

Auch Japan debattiert über die Auswüchse des Kaptitalismus. Die Debatte im Land der aufgehenden Sonne wird durch Bilanzskandale und gescheiterte Übernahmen angeheizt.

TOKIO. „Was ist ein Unternehmen? Was soll es sein?“ Die Frage wandert dieser Tage durch Medien, Diskussionen und Symposien in Japan. Ausgelöst hat sie vor allem IT-Unternehmer Takafumi Horie und sein letztlich fehl geschlagener Versuch, einen Radio- und Fernsehsender feindlich zu übernehmen. Aber auch der Skandal um gefälschte Finanzdaten der Eisenbahngesellschaft Seibu Railway trug zur neuen Frage nach der Rolle von Unternehmern bei.

Das Nachkriegs-Wirtschaftssystem, in dem vor allem die Harmonie im Unternehmen betont wurde, habe seine Legitimierung und Effektivität verloren in der Ära des globalen Wettbewerbs, kommentierte etwa die größte Wirtschaftszeitung Nihon Keizai. „Es ist Zeit für Japan, sein Wirtschaftssystem neu zu definieren und aufzubauen.“ Hinterzimmerpolitik, Bezahlung nach Dienstjahren unabhängig von der individuellen Leistung, bürokratische Wirtschaftslenkung – das Erfolgsrezept von gestern zieht nicht mehr. Schon gar nicht, nachdem der Anteil der ausländischen Aktionäre an den Unternehmen der Tokioter Börse sich binnen zehn Jahren auf mehr als ein Fünftel verdreifacht hat.

Doch ganz dem US-Modell will man sich in Japan auch nicht verschreiben. Unternehmen wie Canon oder Toyota betonen, dass das japanische Managementsystem mit einer Art Fürsorgerolle der Unternehmen für seine Beschäftigten seine Stärken hat. Und Firmenchefs wie Seiji Hanaoka von Seiko Epson meinen: „Eine reine Ausrichtung am Shareholder wäre komisch.“ Er orientiere sich am auch an Beschäftigten, Kunden und Geschäftspartnern. Nach dem Enron-Skandal in den USA plädiert eine Vielzahl von Akademikern für einen „japanischen Kapitalismus“ – ohne die „gierigen Aspekte“ des US-Systems, wie die Nihon Keizai schreibt.

Anders als in Deutschland jedoch wird die japanische Kapitalismusdebatte mit weniger Ärger im Bauch geführt. Das mag vor allem daran liegen, dass sie kaum mit dem Thema Arbeitslosigkeit verbunden ist. Mit 4,5 Prozent Arbeitslosenquote ist die Situation eine andere als in Deutschland. Japans Unternehmen investieren derzeit ordentlich im eigenen Land und sanieren zum Großteil ohne Entlassungen. „Der gesellschaftliche Konsens heißt immer noch in größerem Maß als in Deutschland, dass die fest angestell-te Belegschaft gesichert werden muss“, meint Andreas Moerke vom Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio.

Die jetzige Kapitalismusdebatte in Japan hat ihren Fokus auf feindliche Übernahmen. Und obwohl der Versuch von IT-Unternehmer Horie rein inländisch war, geht auf einmal eine Welle der Angst vor Übernahmen aus dem Ausland um in Japan. Die Öffnung für ausländische Firmen, japanische Unternehmen per Aktientausch zu übernehmen, ist deshalb um ein Jahr verschoben worden. Und Toshiba, NEC, Matsushita & Co. zimmern gerade an ihrer Verteidigungsfestung gegen solche Übernahmen.

Seit dem Platzen der Spekulationsblase Anfang der neunziger Jahre ist die Kapitalismusdebatte in Japan immer auch eine Debatte um die Rolle der Ausländer gewesen. US-Investmentfonds haben sich massiv in Japan engagiert, Banken wie Shinsei, Aozora oder Tokyo Star wieder saniert – und sich teilweise die Kritik anhören müssen, als „Geier-Fonds alles außer die Rosinen fallen zu lassen. “

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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