Unternehmerchefin verklagt Manager
„Krieg der Chefs“ in Frankreich

Eine erbitterte Schlacht um eine „Kriegskasse“ von 617 Millionen Euro erschüttert den französischen Arbeitgeberverband Medef. In dem Machtkampf stehen sich die junge Medef-Chefin Laurence Parisot und die Altherrenriege des mächtigen Industrieverbandes UIMM gegenüber. Auf dem Spiel stehen die Glaubwürdigkeit der Arbeitgeber und die Initiative von Präsident Nicolas Sarkozy.

HB PARIS. Die gewaltige Kriegskasse hatte der mächtige Industrieverband UIMM in den unruhigen 70er Jahren angelegt, um antikommunistische Gewerkschaften und Kampagnen zu fördern. Damals versetzte die von Moskau unterstützte KPF mit Betriebsbesetzungen und Streiks das Bürgertum in Angst und Schrecken. Die UIMM habe „stets bei den Wahlen eine Rolle gespielt“ und „hunderte Karrieren finanziert“, versichert der konservative „Figaro“ wohlwollend. Wer die Leute kenne, wisse, dass es „keine Unterschlagungen“ gegeben habe.

Doch die Millionen aus der „Kriegskasse“ flossen munter weiter, als der Kampf gegen die Kommunisten längst gewonnen war. So hob der allseits „DGS“ genannte UIMM-Boss Denis Gautier-Sauvagnac von 2000 und 2007 angeblich 19 Millionen Euro in bar ab. Bis die Justiz 2,4 Millionen Euro in bar sicherstellte und nachforschte, ob DGS mit dem Geld sein Gehalt „nachbessern“ oder andere schmieren wollte. In Medienberichten heißt es, DGS habe unter anderem rechtsradikalen Studentenverbänden Geld gegeben. Sicher scheint, dass DGS sich und seine Mitarbeiter mit Prämien von 5000 bis 20 000 Euro bedachte.

Nach einem Gesetz von 1884 können die Unternehmerverbände und Gewerkschaften in Frankreich mit ihrem Geld ohne Beleg machen, was sie wollen. Bestechung und Steuerhinterziehung wären aber illegal. „Das Geld dient dazu, die sozialen Beziehungen flüssiger zu machen“, sagt DGS vieldeutig. In Polizeigewahrsam nannte er keine Namen. Das treibt Gewerkschafter zur Weißglut. „DGS wird mit der Hand im Beutel ertappt und lenkt den Verdacht auf uns Gewerkschaften“, wettert die CFDT, die als einzige Gewerkschaft alle Konten prüfen lässt.

Der Skandal treibt Sand in Sarkozys Sozialreformen, denn er vergiftet das Klima bei den Reformgesprächen der Tarifpartner. Parisot witterte Gefahr und griff die UIMM hart an. Die schwarze Kasse gebe wenigen Leuten ein „Mittel, Macht auszuüben“, erklärte sie und zwang DGS zum Rücktritt. Doch der vornehme Manager unterschrieb sich für sein Ausscheiden selbst einen Scheck über 1,5 Millionen Euro, und die UIMM sicherte ihm vertraglich zu, für finanzielle Folgen einer Verurteilung aufkommt. „Man kann das als Schweigegeld ansehen“, sagt Staatsanwalt Jean-Claude Marin. „Das ist eine sehr klassische Transaktion, die für sich keinen Gesetzesverstoß darstellt.“

Parisot sah das „Schweigegeld“ als Kriegserklärung. Sie drängte die UIMM, den Deal rückgängig zu machen, und drohte mit der Justiz. „Mein Ziel, die Franzosen mit dem Unternehmertum zu versöhnen, wird gefährdet“, sagte sie. Doch für viele Bosse geht die junge Frau zu weit. „Parisot wolle „den totalen Krieg“, erklärte der frühere UIMM- Chef Daniel Dewavrin. Als DGS verbreiten ließ, Parisot sei Mitwisserin gewesen, fuhr die Chefunternehmerin aus der Haut. „Diese Herren sind hartgesottene Lügner!“, wetterte sie und zog vor Gericht.

Parisot nützt den Konflikt, um die UIMM auf Linie zu bringen und den Unternehmerverband „ins 21. Jahrhundert zu führen“. Künftig sollen die Arbeitgeberverbände ihre Konten prüfen lassen. Der neue UIMM-Chef Frédéric Saint-Geours versprach Besserung und kündigte für 2008 ein geprüftes Budget an. „Man muss jeden internen Krieg vermeiden“, sagte er. „Ich ziehe einen Schlussstrich unter ein Jahrhundert undurchsichtiger Praktiken.“

Offiziell wird Parisot von Sarkozy unterstützt. Der Präsident kann für seine Sozialreformen und seine Pläne zur Änderung der gewerkschaftlichen Vertretung keine Millionen-Mauscheleien bei den Arbeitgebern gebrauchen. Doch Sarkozy muss fürchten, selbst von dem Skandal eingeholt zu werden. Medienberichten zufolge war er als Innenminister schon 2004 von den UIMM-Finanzpraktiken informiert worden, hatte die Ermittlungen aber auf Eis gelegt.

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