Unterwegs in Athen
„Ich mag euch Deutsche“

Unser Korrespondent Georgios Kokologiannis spricht fließend griechisch, wird aber manchmal doch als nicht-einheimisch geoutet. Auch aktuell kann es passieren, dass sich die Bevölkerung über Besuch aus Deutschland freut.
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AthenDer Staat bankrott, das Volk verzweifelt, aber das Pokern geht weiter – mindestens bis Sonntag, wenn die Griechen an die Urnen treten: Unser Autor Georgios Kokologiannis ist nach Athen gereist und sammelt Fakten, Eindrücke und Momente einer Krise, die 2009 begann und inzwischen ganz Europa in Atem hält. In einer Kolumne berichtet er täglich Begebenheiten aus Griechenland.

Heute: Technikmeister Deutschland

Obwohl ich Griechisch fließend beherrsche und auch unzweifelhaft südländisch aussehe, fragen mich die meisten Taxi-Fahrer, mit denen ich hier ins Gespräch komme irgendwann trotzdem, woher ich denn stamme. Meistens behaupte ich dann: aus der Schweiz. Es funktioniert tatsächlich: Dadurch vermeide ich es, immer und immer wieder die Krisenpolitik der Bundeskanzlerin erklären oder gar rechtfertigen zu müssen.

Ein hilfreiche kleine Notlüge, die mir ein Kollege verraten hat. Ich spreche zwar ohne Akzent, hat mir mal ein Athener Fahrer bestätigt – als Nicht-Einheimischen outen würden mich aber die zurückhaltende Intonation und Gestik. Offensichtlich untypisch für einen wahren Hellenen.

Heute Vormittag hab ich gepatzt als mich gedankenversunken die obligatorische Frage des Droschkenkutschers traf: „Aus Deutschland“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Unmittelbar nachdem ich realisierte hatte, was ich getan hatte, erlebte ich eine Überraschung. Statt der dann üblicherweise angezettelten Diskussion über Angela Merkel, Wolfgang Schäuble oder wahlweise die Zwangsanleihe aus dem zweiten Weltkrieg: Große Freude bei Giorgos.

„Ihr Deutsche kennt euch doch mit Technik so gut aus“, sprudelte es aus meinem Namensvetter hinter dem Lenkrad heraus. Meinen Einwand, dass ich ebenfalls Grieche sei, ignorierte er und fuhr fort: „Dieses Ding hier macht mich wahnsinnig, vielleicht können Sie mir helfen“. Dabei deutete der grauhaarige Endfünfziger auf ein 7-Zoll-Tablett, das ihm als Navigationsgerät dient.

„Sehen Sie? Schon wieder ist der Bildschirm ausgegangen. Wenn ich nicht alle dreißig, vierzig Sekunden drauftippe, dann schaltet es sich aus. Das mache ihn wahnsinnig, so könne er nicht arbeiten.“ Vielleicht wisse ich weiter, er sei Laie auf dem Gebiet. Als der Bildschirmschoner-Modus nach einiger Suche im Einstellungsmenü deaktiviert ist – und Giorgos sich davon überzeugt hat, dass sein GPS nun wie gewünscht seinen Dienst verrichtet, strahlt er und sagt: „Ich mag euch Deutsche“. Meinen wiederholten Einwand, dass ich doch auch Grieche sei, erwidert er mit „To idio kani“ – alles dasselbe. „Und die Fahrt geht auf mich“.

Georgios Kokologiannis ist Redakteur im Finanzteam des Handelsblatts, mit Sitz in Frankfurt am Main. Er studierte Betriebswirtschaftslehre in Düsseldorf mit Schwerpunkt auf Controlling und Marketingmanagement. Bereits während seiner Studienzeit wirkte der Diplom-Kaufmann erstmals an der Entwicklung des Handelsblatt-Onlineangebots mit. Seinen journalistischen Feinschliff erhielt der Kapitalmarktexperte an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Mit Geldanlage-Themen beschäftigt sich der Derivatespezialist für das Handelsblatt seit mehr als 17 Jahren. Dabei wurde er mit dem DDV-Preis für Wirtschaftsjournalisten ausgezeichnet und hat zuletzt vier Jahre lang das Musterportfolio der Redaktion verantwortet.
Georgios Kokologiannis
Handelsblatt / Finanzredakteur

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