Urteil schwächt Bush
Von Sündern und Sündenböcken

Richard „Dick“ Cheney gilt als mächtigster US-Vizepräsident aller Zeiten und ist vielleicht gerade deswegen so umstritten. Auch wenn mit Lewis Libby an seiner Stelle ein Sündenbock verurteilt wurde, gilt dies als ein weiteres Zeichen für den Zerfall des Machtsystems George W. Bushs.

WASHINGTON. Denis Collins war der Einzige der am Schluss nur noch elf Geschworenen, der freiwillig ins Kreuzverhör ging. Vor ihm ein Wald von Mikrofonen und Kameras, hinter ihm ein erhaben strahlendes Gerichtsgebäude. Denis Collins streicht sich das weiße Haar aus der Stirn und fasst dann in einem Satz den ganzen Prozess zusammen: „Wir glauben nicht, dass Mr. Libby nicht schuldig ist für das, was er getan hat, aber es sieht so aus, als sei er eigentlich nur der Prügelknabe.“

Lewis „Scooter“ Libby ist der, der für einen anderen den Kopf hinhalten musste. Dieser andere war wieder einmal nicht sichtbar, ließ Stunden später nur einen Fünfzeiler verschicken: dass er, Richard Cheney, enttäuscht sei über das Urteil, dass es ihm leid täte für seinen Ex-Stabschef, dass er des Weiteren zum Prozess nichts mehr zu sagen gedenke.

Es war ein original Cheney-Statement. Amerikas Vizepräsident sitzt überall dabei, aber behält seine Gedanken meist für sich. Bestenfalls lächelt er mal maliziös, aber auch da weiß man nie, wie es gemeint ist: anerkennend, spöttisch, vernichtend?

Der Vertreter von George W. Bush ist wohl der mächtigste Vizepräsident, den die USA je hatten – und der umstrittenste. Doch auch wenn Cheney im Libby-Prozess weder verhört noch verurteilt wurde: Seine Macht verfällt nach sechs Amtsjahren zusehends – ebenso wie die seines Chefs.

Der wichtigste Grund für den Niedergang der einst so stolzen Republikanerriege: Irak. Denn eigentlich ging es im Libby-Prozess um die Frage, ob Cheney einen Kriegsgrund fabrizieren ließ und seinen Adlatus „Scooter“ Libby – ein Spitzname wie für einen Teenager – nur vorausschickte, um es einem miesen Kritiker des Irak-Kriegs heimzuzahlen.

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