Uruguay
75-jähriger Ex-Guerillero wird neuer Präsident

Der frühere Guerillero José Mujica hat die Präsidentenwahl in Uruguay klar gewonnen. Er kündigte in einer Siegesrede vor tausenden jubelnden Anhängern in Montevideo Gespräche mit allen politischen Kräften an.
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HB MONTEVIDEO. In der Stichwahl am Sonntag kam der 75-jährige Kandidat des linken Regierungsbündnisses Breite Front (Frente Amplio) nach Auszählung fast aller Stimmen auf 53,2 Prozent. Sein konservativer Herausforderer, der Ex-Präsident Luis Alberto Lacalle (1990-1995), musste sich mit etwa 42,7 Prozent der Stimmen geschlagen geben.

Mujica kündigte in einer Siegesrede vor tausenden jubelnden Anhängern in Montevideo Gespräche mit allen politischen Kräften an. Er sei auch bereit, der Opposition politische Ämter anzubieten. Die Uruguayer hätten eine Regierung gewählt, „die die Wahrheit nicht gepachtet hat und die alle braucht“, sagte Mujica. Zugleich zollte er der unterlegenen Opposition Respekt.

Mujica war als klarer Favorit in die Abstimmung gegangen. Nach seinem Sieg rief er zu Toleranz auf. „Heute ist ein Tag der Freude. Aber wir wissen auch, dass es heute Landsleute gibt, die unglücklich sind und niemand sollte den Fehler begehen, sie zu beileidigen“, warnte er und fügte hinzu: „Weder Sieger noch Besiegte“.

„Dies hier (die gewählte Regierung) ist etwas Vorübergehendes. Das Dauerhafte ist nur das Volk“, sagte Mujica. „Arm dran ist derjenige, der meint, die Macht sei bei denen da oben und nicht merkt, dass die wahre Macht im Herzen des Volkes ist“, fügte er unter Applaus hinzu. „Es hat mich die Zeit eines Lebens gekostet, dass zu lernen. Wir werden Fehler machen, bestimmt, aber wir werden den Problemen nie den Rücken kehren“, versprach der Wahlsieger, der sein Amt am 1. März antreten wird.

Mujica profitierte nach Einschätzung von Meinungsforschern von seiner Glaubwürdigkeit und den Erfolgen der zurückliegenden fünf Regierungsjahre unter Präsident Tabaré Vázquez, der gemäß der Verfassung nicht wieder antreten konnte. „Gewinner der Wahl ist auf jeden Fall das Volk“, sagte der Arzt bei der Stimmabgabe. Zugleich schloss Vázquez eine erneute Kandidatur in fünf Jahren nicht aus: „Man soll nie nie sagen.“

Der Wahlkampf wurde von Wirtschafts- und Sozialthemen beherrscht. Tatsächlich aber liegen die beiden großen politischen Lager nach Einschätzung des Meinungsforschers Juan Carlos Doyenart gar nicht so weit auseinander, wie die kämpferische Rhetorik glauben mache. Lacalle und Mujica bekennen sich zur Marktwirtschaft, betonen die Notwendigkeit, Investitionen zu schützen und für klare und überschaubare Rahmenbedingungen zu sorgen. Mujica weist dem Staat jedoch eine wichtigere Rolle als Ordnungsfaktor in der Wirtschaft und bei der Bekämpfung der Armut zu. Lacalle hingegen würde den Staat lieber so schlank wie möglich machen.

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