US-Abhörskandal
Na und ?!

Politiker in Europa sind empört über die Praktiken der US-Spione: EU-Gebäude und Botschaften verwanzen, das gehe eindeutig zu weit. Doch in den USA regt das niemanden auf. Sicherheit geht vor Freundschaft, heißt es kühl.
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DüsseldorfWährend halb Europa am Sonntag vor Wut schäumte, gab sich Michael Hayden im US-Sender CBS aufreizend gelassen. „Ein paar Dinge kann ich Ihnen an diesem Morgen erklären“, sagte der Ex-Chef der US-Geheimdienste CIA und NSA. „Erstens: Die Vereinigten Staaten betreiben Spionage“. Zweitens sei der verfassungsmäßige Schutz der Privatsphäre nur für US-Bürger gedacht. Und drittens: „Jeder Europäer, der sich über weltweite Spionage beklagen will, sollte erst einmal schauen, was seine eigene Regierung so macht.“

Im Tonfall eines geduldigen Vaters trug Hayden die Punkte vor, und zwischen den Zeilen klang mit, was er wohl eigentlich sagen wollte: Regt euch ab da drüben in Europa! Dass US-Spione laut Berichten von „Spiegel“ und dem britischen „Guardian“ systematisch Regierungsgebäude und Botschaften europäischer Länder und der EU verwanzten und belauschten, dass sie Abermillionen privater Internet- und Telefonverbindungen speicherten, das sei ja wohl nichts Ungewöhnliches. Machen doch alle so.

Mit seinem lauten „Na und ?!“ fasste der ehemalige Chefspion von George W. Bush die Stimmung in den USA nach den wütenden Reaktionen aus Europa ganz gut zusammen. In Amerika kann sich niemand so recht empören über die neuesten Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über Schnüffel-Attacken bei den alten Freunden.

Ein krasser Gegensatz zu Europa, wo sich Politiker von Paris über Brüssel bis Berlin entsetzt zeigen. „Wir sind nicht mehr im Kalten Krieg“, schimpfte etwa der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert im Namen von Kanzlerin Angela Merkel. Frankreichs Präsident François Hollande sagte: „Wir verlangen, dass das sofort aufhört“. Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zeigte sich verärgert: Die Berichte seien „verstörend“ und verlangten „volle Aufklärung“, sagte er. 

In den USA ist die Debatte um die Geheimdienst-Leaks dagegen schon längst ein Stück weiter. Ging es anfangs noch um den Schutz der Privatsphäre und Gefahren eines allwissenden Staates, steht nun der Schaden für die nationale Sicherheit im Mittelpunkt, den Snowden möglicherweise angerichtet hat. Das Bild des 30-Jährigen in der Öffentlichkeit hat sich längst gewandelt vom Helden zum selbstsüchtigen Verräter, der bestraft werden muss.

Und so haben auch die Enthüllungen über Schnüffeleien bei den Europäern in der US-Öffentlichkeit kaum Beachtung gefunden. Schließlich geht es um Geheimdienstarbeit im Ausland, kein US-Bürger wird wohl dadurch in seinen Rechten verletzt. Spätestens seit dem 11. September 2001 ist es in den USA allgemein akzeptiert, dass US-Behörden weltweit Informationen sammeln, auch wenn sie dabei rücksichtslos vorgehen. Zu groß ist nach wie vor die Angst vor Terroranschlägen.

Im jüngsten Fall aber geht der Wissensdurst der US-Schlapphüte deutlich über den Terror-Aspekt hinaus. Laut „Guardian“ ging es bei den Lauschangriffen auf die Botschaften europäischer Länder auch darum, Informationen über deren Verhandlungspositionen oder über wirtschaftliche Fragen zu ergattern. In den Geheimdokumenten wurden Deutschland, Frankreich, Italien und andere Nationen ausdrücklich als „Angriffsziel“ bezeichnet.

Kommentare zu " US-Abhörskandal: Na und ?!"

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  • Es gibt naïve Geister die vorschlagen Diplomaten sollen sich untereinander aussprechen oder Obama soll wichtige Worte sprechen,diese Personen kommen entweder vom Mond oder werden als Geheimagent ganz dick bezahlt.EU muss die Realitaet akzeptieren dass sie auf sichselbst gestellt ist und fuer sichselbst sorgen muss.Eine eigene EU-Armee zur Verteidigung mit eigenen Kommunikationsmitteln.Natobuendnis sollte gekuendigt werden Kriege+Sanktionen sofort gestoppt.Neue Handelsmoeglichkeiten sollten erschlossen werden.Von Fall zu Fall kann dann noch entschieden werden mit welchen Laendern man noch zusammenarbeitet wenn die Belange gleich sind.Hiermit wird sich die EU viele tausende von Milliarden Euro ersparen und ungeahnte neue Handelsmoeglichkeiten erschliessen welche bis jetzt durch die falschen Buendnisse verschlossen waren. Den Cyber-Industrieschaden fuer Deutschland beziffern die Verantwortlichen für das vergangene Jahr 2012 auf 4,2 Milliarden Euro. Die Dunkelziffer ist jedoch viel höher. Experten schätzen die Gesamtsumme auf mehr als 20 Milliarden Euro,fuer ganz Europa kann man von 100 Milliarden/Jahr sprechen

  • .. versteh'ich die Grafik auf Seite 2 richtig: poplige 15 deutsche Telefongespräche wurden im Dezember 2012 abgehört!!?

  • Die Geheimdienste dieser Welt sammeln Daten und bauen in den USA neue Rechenzentren...
    Die User liefern alles private Daten via Facebook und Co ab.
    Wenn Deutschland ein souveräner Staat ist, dann muss und kann man nur sofort handeln. Die Datenklauerei ist eine moderne Form der Kriegsführung und im Internet herrscht Krieg. Das kann man auch daran erkennen, dass die Symbole von Virenscannern häufig Schwerter und Schilde sind.
    Man sollte einfach mal die kompletten Internetverbindungen an den Schaltstellen kappen (Stecker ziehen !), binnen 24 Stunden wären die USA von ihrer Unfehlbarkeit geheilt und wir alle hätten wesentlich weniger Viren im Web. Die USA brauchen Europa, Afrika und Asien, anders herum sieht es anders aus.
    Nicht umsonst buhlt man überall um Freihandelszonen. Also Stecker raus und Zölle für US-Produkte um 500% anheben, bis man auf Augenhöhe ist und sich auch auf der anderen Seite des Atlantiks an Recht und Ordnung anderer Staaten hält.

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