US-Amerikaner legte die Grundlage für die Bewertung von Aktienrisiken und die internationale Deregulierung
William F. Sharpe: Pionier der freien Finanzmärkte

In der aalglatten Wall-Street-Welt der Nadelstreifenanzüge und Manschettenknöpfe wirkt William F. Sharpe wie ein Fremdkörper. Doch der Ziegenbartträger, der am liebsten Tennisschuhe und weite Khakihosen trägt, hat die Börsenwelt geprägt wie kaum ein anderer Wissenschaftler. Der unangepasste 70-Jährige zählt zu den Mitbegründern der modernen Finanzmarkttheorie. Seine Aktienpreis-Theorie, das Capital Asset Pricing Model (CAPM), gehört heute zum Handwerkszeug jedes Analysten und Fondsmanagers.

NEW YORK. Doch die meisten Investoren missachten immer noch Sharpes wichtigsten Tipp: „Streue dein Geld möglichst breit.“ Mit diesem Rat blitzte Sharpe Ende der 90er-Jahre bei Mitarbeitern junger Hightech- Unternehmen ab. Der inzwischen emeritierte Finanzprofessor der US-Eliteuniversität Stanford hatte damals gerade die Beratungsfirma Financial Engines gegründet. Sie berät Firmen und ihre Angestellten bei der betrieblichen Altersvorsorge.

„Viele Mitarbeiter investierten ihr gesamtes Kapital in Aktien ihres Arbeitgebers“, berichtet Sharpe in einem Gespräch mit dem Handelsblatt, „ich habe auf das Risiko hingewiesen, dass im Unternehmen etwas schief läuft und die Mitarbeiter im Alter mit leeren Händen da stehen“. Doch in der Internet-Euphorie fand diese Warnung nur wenige Zuhörer. Ein paar Jahre später zerstörte der weltweite Crash von Technologieaktien zahllose Träume von einem gesicherten Lebensabend. „Diesen Kurssturz habe ich keineswegs vorausgesehen“, sagt Sharpe. Er folgte mit seiner Warnung nur einem uralten Anlageprinzip: Lege nie alle Eier in einen Korb.

Mit dem CAPM lieferte Sharpe vor mehr als 40 Jahren eine mathematisch präzise Begründung dieses Mottos. Für dieses Modell erhielt Sharpe 1990 den Wirtschaftsnobelpreis, gemeinsam mit seinen Kollegen Harry Markowitz und Merton Miller, die ebenfalls unter der Prämisse rationaler Finanzmärkte arbeiteten. Weltweite Anwendung fanden später auch seine Sharpe-Ratio, die das Risiko-Ertrags-Verhältnis einer Finanzanlage misst, und sein Modell zur Bewertung von Optionen.

Im Kern besagt das CAPM, dass jede Aktie und überhaupt jedes Wertpapier zwei Arten von Risiken birgt: spezifische Risiken, die für jede Aktie einzigartig sind, und das Marktrisiko, das die Abhängigkeit vom Gesamtmarkt erfasst. Die Bewertung einer Finanzanlage hängt laut Sharpe nur vom Marktrisiko ab. Die spezifische Risikokomponente kann ein Anleger fast völlig ausschalten, indem er sein Geld auf viele Wertpapiere verteilt. Steigt zum Beispiel der Ölpreis, wird die Aktie einer Fluglinie wegen der höheren Treibstoffkosten tendenziell fallen. Die Aktie eines Ölkonzerns profitiert dagegen von dem Preisanstieg. Wer beide Aktien im Depot hat, ist gegen Schwankungen des Ölpreises recht gut geschützt.

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