US-Armee
Das Trauma stets im Gepäck

Je länger der Einsatz für die US-Armee dauert, desto sichtbarer werden die psychischen Folgen bei den Soldaten. Eine neue Studie zeigt: Rund 20 Prozent der 1,5 Millionen in den Irak entsandten Soldaten kehren mit der Krankheit PTSD, kurz Post Traumatic Stress Disorder, in ihre Heimat zurück. Doch nur die Hälfte von ihnen lässt sich medizinisch behandeln.

PITTSBURGH. Robert Canon ist gerade mal 23 Jahre alt. Aber das, was er an diesem Abend zu erzählen hat, reicht für ein ganzes Leben. Canon war als Angehöriger der US-Army zweimal im Irak, hat eine Ehe hinter sich, lebt seither als allein erziehender Vater einer Tochter – und vor allem: Robert Canon hat tief in die Abgründe des Lebens geschaut.

„Als ich das erste Mal aus dem Irak zurückkam, gab es für mich nur Alkohol“, erzählt Canon. „Ich habe immer nur den Boden der Flasche im Blick gehabt“, sagt der Soldat, der damals mit der 3. Infanteriedivision aus Fort Stewart/Georgia unterwegs war. Damals, von Januar bis September 2003, war Robert 18 Jahre jung. „Wenn Du dann nach Hause zurückkommst, machst Du das, was Du vermisst hast: Du gehst in Clubs, in Bars, und Du trinkst – verrückte Sachen eben.“

Als Canon 16 Monate später wieder in den Irak abkommandiert wird, übersteht er die Zeit nur, weil er sich dem Glauben verschreibt. Neun Mal habe er in dem Jahr die Bibel gelesen – „von A bis Z, immer wieder.“ Ein Kamerad aus Jamaika hatte ihn dazu gebracht. „Du musst glauben“, sagt Canon, „egal an was.“ Und dann sagt er auch noch diesen Satz, der so gar nicht zum Glauben passen will: „Wenn Du bei der Army unterschreibst, dann solltest Du mit dem Tod rechnen. Dann bist Du nie mehr enttäuscht.“ Doch was souverän und abgeklärt klingen soll, legt in Wirklichkeit tiefe Wunden offen. Als Robert zur Flasche Coors Light greift, sind seine Fingernägel zu sehen – abgekaut bis zum untersten Rand.

Ob Robert von der Krankheit PTSD gehört hat? Als die Frage kommt, fährt der junge Mann aus Pennsylvania blitzschnell seinen Abwehrschirm hoch. „Manche die im Irak kein traumatisches Erlebnis hatten, kommen zu Hause nicht mehr klar. Und andere, die alles Üble mitgemacht haben, bleiben ohne Probleme“, lautet Robert Canons Antwort. Mehr will er zu dem Thema nicht sagen. Beim Stichwort PTSD – Post Traumatic Stress Disorder – schrillen die Alarmglocken. Denn das Krankheitssyndrom, das seit dem Vietnam-Krieg bekannt ist, kann existenzbedrohend sein. Werden nach einem Kriegseinsatz mentale Probleme diagnostiziert, weil Soldaten Verwundungen, Misshandlungen oder den Tod naher Kameraden erlebt haben und damit nicht klarkommen, kostet sie dies nicht selten den Job. Armee oder zivile Arbeitgeber halten die traumatisierten Soldaten häufig für nicht mehr belastbar – und mustern sie aus oder schieben sie ab. Also verschweigen viele ihre Probleme, ihre Alpträume, ihre Ungeduld und Aggressionen. Doch nur in Ausnahmen lassen sich die psychosomatischen Krankheiten im Selbstversuch kurieren.

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