US-Bildungspolitik
Dear Mr. Obama

Eine Vierzehnjährige schreibt einen Brief – es geht um ihre Schule, die alt ist und kaputt. Plötzlich ist sie eine Berühmtheit in Amerika. Denn sie hat ein wichtiges politisches Versprechen ihres Präsidenten auf die Probe gestellt.

DILLON. Sie hatte doch nur getan, was der Präsident gesagt hatte, und den Politikern in Washington einen Brief geschrieben, mehr nicht.

„Nehmt euer Schicksal selbst in die Hand“, hatte der Präsident gesagt. Sie hatte es in den Nachrichten gehört und gesehen, und ihre Schuldirektorin hat es doch auch gesagt, als sie an diesem Februarmorgen 2009 wie immer um zehn vor acht zum Fahneneid in der Turnhalle ihrer High School saß. Sie hatte zugehört, still und aufmerksam. „Wartet nicht ab, bis sich die Dinge von selbst ändern, sondern unternehmt etwas“, hatte die Direktorin gesagt. Und während ihre Mitschüler in die Klassenzimmer drängelten und diesen Satz längst wieder vergessen hatten, ging er Ty'Sheoma Bethea nicht mehr aus dem Kopf.

Ty'Sheoma fasste einen Entschluss. Sie würde einen Brief schreiben, jetzt gleich. Sie würde um Hilfe bitten für ihre Schule, die so alt und so kaputt ist. In der der Putz von der Decke fällt, in die es hineinregnet, in der die Aufzüge nicht funktionieren und bei der sechs- bis achtmal am Tag minutenlang der Unterricht unterbrochen werden muss, weil auf der Bahnstrecke gleich hinter der Schule Frachtzüge entlangdonnern; die Bänke zittern, und der Lärm ist so groß, dass man die Lehrer nicht mehr versteht.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und begann einen Brief. „Die Menschen fangen an, meine Schule als hoffnungslos zu sehen, als Ort, wo man nichts lernt“, schrieb Ty'Sheoma. „Aber wir sind doch nur Schüler, die später einmal Anwälte, Doktoren oder Kongressabgeordnete wie Sie werden wollen, um etwas zu verändern.“ Unter diesen Bedingungen sei das aber nicht möglich. „Aber wir geben doch nicht einfach auf.“ Eineinhalb Stunden saß sie am Computer und schrieb auf eineinhalb Seiten ausführlich ihre Gedanken auf. Ty'Sheoma war nicht sicher, ob die Abgeordneten im Kongress oder gar der Präsident den Brief überhaupt jemals zu sehen bekommen würden. Aber sie wollte es versuchen. Es hat funktioniert. Seither weiß das ganze Land von der 14-jährigen Ty'Sheoma, einem schwarzen Mädchen mit brav nach vorn gekämmten Pony, dem ältesten von vier Kindern einer Familie aus der Kleinstadt Dillon in South Carolina. Und dass sie dort in die achte Klasse der High School J. V. Martin geht. Sie ist jetzt eine Berühmtheit. Denn Barack Obama hat ihren Brief gelesen, der Präsident. Sie hat ihn an ein Versprechen erinnert. Sie hat, ohne es zu wissen, seine Politik auf die Probe gestellt.

„Von der Wiege zur Karriere“ werde seine neue Bildungspolitik den Menschen in den USA verhelfen, hatte Obama versprochen. Mit mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit, mehr Niveau beim Lernen. Wenn die Noten schlecht seien, dann bestehe die Lösung nicht darin, die Standards zu senken, hatte Obama gemahnt. Man müsse strengere Regeln einführen. Und: Mehr Geld für Lehrer und Schulen sollen dafür sorgen, dass dieses Ziel erreicht wird. Über 30 Milliarden Dollar aus dem Konjunkturpaket, seinem Stimulus-Gesetz, stehen den US-Bundesstaaten dafür in einer ersten Runde zur Verfügung. Weitere Milliarden sollen folgen.

Aufgerüttelt aber wurden die gesamten USA, als eine Untersuchung der OECD Ende 2008 die Vereinigten Staaten im Vergleich mit 36 Industrienationen nur noch auf Rang 18 platzierte. „Andere Staaten haben nicht nur aufgeholt, sie haben uns überholt“, kommentierte der Bildungsexperte Jacob Funk Kirkegaard vom Peterson-Institut für Internationale Wirtschaft bissig. Zum Beispiel Südkorea. Dort machen 93 Prozent der Oberschüler wie vorgesehen ihren Abschluss. In den USA liegt dieser Wert gerade mal bei 75 Prozent.

Für den Bundesstaat South Carolina, in dem Dillon liegt, gilt die Beschreibung der Misere noch einmal im Besonderen. Nach einer Studie der anerkannten Bildungsexperten des American Legislative Exchange Councils aus dem Jahr 2008 rangiert South Carolina im Leistungsvergleich mit den anderen 49 US-Bundesstaaten gerade mal auf Platz 39. Wer kann, der schickt dort seine Kinder nicht auf öffentliche Schulen.

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