US-Botschafter
Der freundliche Stellvertreter der Supermacht

Nach 100 Tagen Amtszeit hat der neue US-Botschafter in Berlin einen neuen Stil geprägt – Philip D. Murphy tritt als Inkarnation einer „soft power“ auf. Nun fordert der erfolgreichste Spendeneintreiber Obamas aber auch höflich Gegenleistungen ein. Was der Botschafter erwartet.
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BERLIN. Einhundert Tage lang ist Philip Murphy wie ein Wirbelwind durch Deutschland gejagt. Einhundert Tage lang hat der neue amerikanische Botschafter versucht, mit demonstrativer Lockerheit einen neuen Stil im Obama-Zeitalter zu prägen.

Er hat mit Jugendlichen Dutzende sogenannter „Townhall“-Meetings veranstaltet, Tausende Deutsche persönlich getroffen, wirtschaftliche und politische Kontakte bis hin zur Kanzlerin aufgebaut. Er hat sich sogar bei dem Frankfurter Verleger KD Wolff dafür entschuldigt, dass ihm die Einreise in die USA verweigert worden war. Der US-Botschafter tritt als Inkarnation einer „soft power“ auf.

Fast überall, wo der 52-jährige frühere Investmentbanker von Goldman Sachs bisher aufgetreten ist, hinterlässt er dabei den Eindruck eines sympathischen, leicht selbstironischen Energiebündels. Nicht umsonst war Murphy Obamas erfolgreichster Spendeneintreiber im US-Präsidentschaftswahlkampf gewesen.

Forderungen freundlich verpackt

Aber nun versucht sich Murphy in der American Academy erstmals in einer anderen Rolle. Gerade ein US-Botschafter, traditionell ein Vertrauter des Präsidenten, soll auch Orientierung geben, wohin die USA steuern. Also nennt Murphy seine erste außenpolitische Rede an diesem Montagabend: „A call to action“. Das klingt nach Druck, Ermahnung und der Tonlage der letzten Jahre.

Aber schnell wird klar, dass der Vater von vier Kindern auch jetzt seine Umarmungsstrategie „Mitnehmen mit Begeisterung“ nicht aufgibt. Ein paar warme Worte auf Deutsch zu Beginn, dann viel Lob: Deutschland ist spitze beim Klima, Afghanistan, Iran und den Wirtschaftsbeziehungen.

Man muss schon genau zuhören, um im Wust von Freundlichkeiten herauszuhören, was Obamas Mann eigentlich will – etwa einen EU-Beitritt der Türkei. Das hat ihm den Namen „Mr. Entspannung“ eingetragen. Und das dicke Lob auf die herausragenden deutsch-amerikanischen Beziehungen besänftigt Zweifel, die USA könnten sich künftig mehr um Asien kümmern.

Wenn es heikel wird, weicht er lieber aus – etwa bei kritischen Fragen zu Obamas Nahoststrategie. Bloß nicht anecken, ist seine Devise. Das geht so weit, dass der begeisterte Fußballfan bei seinen Reisen in Fußballstadien jeweils zur Heimmannschaft hält.

Nachbohren zu Afghanistan

Nur bedeutet der weiche Stil nicht, dass Murphy dabei sein eigentliches Ziel, US-Interessen zu vertreten, aus den Augen verliert. Auch das ist nach 100 Tagen klar. Hinter den Kulissen hat er sich etwa bei Kanzlerin und Außenminister vehement dafür eingesetzt, dass Deutschland das umstrittene Swift-Abkommen zu Bankdaten mitträgt. Ab heute wird Murphy nachfragen, ob Berlin in Afghanistan mehr zu tun gedenkt als bisher.

Nur für das schwierigste Problem hat er noch keine Lösung gefunden: Seit der Ankunft der Murphys samt Hund im Privatjet hat der Lieblingsverein seiner Kinder, Hertha BSC, nicht mehr gewonnen.

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