US-Bürger haben an den Staat kaum Erwartungen
Für viele Amerikaner ist sozial gleich Sozialismus

Als Skip Morey Anfang 2001 seinen Job als Vertreter für elektronische Bauteile verlor, machte er sich keine Sorgen. Mit 58, einem Hochschulabschluss und langer Berufserfahrung fühlte er sich nicht als altes Eisen. „Aber die Wirtschaftslage wurde laufend schlechter, und wo es Jobs gab, gingen sie an jüngere Bewerber.“ Seine Arbeitslosenunterstützung, die in den USA normalerweise nach einem Jahr ausläuft, wurde wegen der miesen Konjunktur zweimal verlängert. „Nach 18 Monaten erfolgloser Jobsuche gingen wir zu Plan B“, sagt er.

PORTLAND. Plan B hieß, das Haus in Washington State, in dem Skip und Sue Morey ihre vier Kinder großgezogen hatten, zu verkaufen. Seit sechs Monaten leben nun beide in einem Wohnmobil und fahren kreuz und quer durch die USA. Ihre größte Sorge ist, dass einer von ihnen krank wird: „Wir haben eine Versicherung nur für Katastrophenfälle. Trotzdem ist das in unserem Monatsbudget die größte Ausgabe.“

Bitter sind sie nicht. Dass er nur 18 Monate Arbeitslosenunterstützung bekam, findet Skip „völlig in Ordnung“. Ihre einzige Beschwerde über den Staat: „Die Regierung sollte ein Krankenversicherungssystem schaffen, das sich alle leisten können.“ Auf die Frage, ob sie sich als soziale Absteiger fühlen, reagieren beide verständnislos: „Wir haben immer noch den gleichen Freundeskreis und viele beneiden uns, dass wir so frei durch die Gegend reisen können.“

Fast drei Millionen US-Bürger verloren seit Anfang 2001 ihren Job. Zwar ging im Sommer die Arbeitslosenquote leicht auf 6,2 % zurück, aber nur, weil eine halbe Million Menschen die Jobsuche aufgab. Fast 40 % der als arbeitslos gemeldeten suchen seit 15 Wochen oder länger nach einem neuen Job, der höchste Anteil seit 1983. 40 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Aber wehe, man sagt „soziale Sicherung“. Im Amerikanischen gibt es einen Ausdruck für soziale Aufsteiger („social climber“). Für den Abstieg gibt es nur einen Euphemismus: Abwärtsmobilität („downwardly mobile“). Wer zurückstecken muss, sieht das als persönliche Härte, nicht als gesellschaftliches Problem. „Dieses Land“, sagt Mimi Abramovitz, Professorin an der Hunter School of Social Work in New York, „hat ein Problem mit Armut. Sie wird verdrängt und totgeschwiegen.“ Seit der Reform von 1996 betrachte die US-Presse erleichtert „Welfare“ als erledigt.

1996 unterzeichnete Präsident Bill Clinton unter dem Druck eines von konservativen Republikanern geführten Kongresses ein Reformgesetz, das „unser Wohlfahrtssystem wie wir es kennen, beenden wird“. Dieses Gesetz beendete die Sozialunterstützung („Welfare“) als Bundesprogramm. Stattdessen erhielten die einzelnen Bundesstaaten fortan einen Zuschuss für Unterstützungsleistungen, die sie ausgestalten konnten, wie sie wollten. Die Pflicht zu arbeiten wurde eingeführt, und niemand sollte im Leben länger als fünf Jahre Unterstützung beziehen können.

Die Statistiken schienen den Reformern recht zu geben. In Wisconsin, wo Gouverneur Tommy Thompson zuerst mit Reformen experimentierte hatte, fiel die Zahl der Wohlfahrtsempfänger von 100 000 auf unter 10 000. Im Jahr 2000 gab es landesweit noch 5,1 Millionen Empfänger, weniger als die Hälfte von 1996. Tommy Thompson ist heute Sozialminister in Washington.

„Vieles von dem, was 1996 versprochen wurde, um Müttern die Arbeitsaufnahme zu erleichtern, die Kinderbetreuung, die Ausbildungshilfe, ist nie eingelöst worden“, sagt Claudia Coulton, Professorin an der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio. Vier Fünftel der Wohlfahrtsbezieher in Ohio fanden nach der Reform einen Job, „aber das war im Boom und sogar dann waren es keine guten Jobs – geringe Bezahlung, ohne Sicherheit und nur 18 % mit Sozialleistungen.“

Nach drei Jahren schwacher Konjunktur und steigender Arbeitslosigkeit wächst die Zahl der Unterstützungsempfänger wieder, aber langsamer als bei früheren Rezessionen. Abramovitz: „Es wird den Antragstellern so schwer wie möglich gemacht. Viele geben auf.“

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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