US-Gesundheitssystem
Britischer Doktor verarztet arme US-Bürger

Fast 50 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Präsident Barack Obama will das ändern. Bis dahin sind viele von ihnen auf Menschen wie Stan Brock angewiesen. Der Engländer verarztet in seiner mobilen Klinik die Ärmsten in einem der reichsten Länder der Welt.

HARROGATE. Der dichte Nebel der Smoky Mountains hängt wie ein dicker, schmutziger Mullverband über dem Parkplatz, auf dem Cindy Blevins seit fast 24 Stunden unter einer grauen Wolldecke darauf wartet, dass ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung geht. Es ist vier Uhr nachts. Der Parkplatz ist voll mit Autos, hier und da flackert Licht durch beschlagene Fensterscheiben. Noch zwei Stunden. Cindy Blevins hat Geburtstag, den 45. Sie wünscht sich, dass ihr der Doc ihr heute die restlichen 14 Zähne zieht.

Der Parkplatz ist voll mit Hunderten wie sie. Beladene aus Kentucky, Tennessee, Missouri, Virginia. Sie leiden an Diabetes, schwelenden Wunden, Atemlosigkeit, sind halb blind oder herzkrank, sie haben Hasenscharten, von Zahninfektionen oder hohem Blutdruck gepeinigte Körper. Sie sind Hunderte von Kilometern hierher nach Harrogate im US-Bundesstaat Tennessee gefahren, und seit Stunden, einige sogar seit Tagen, warten sie in ihren Blechkisten darauf, dass sich endlich die Tore des Stadion-Spitals öffnen. Sie harren aus in trüber Nacht, sie fürchten, die Ankunft des Erlösers zu verpassen.

Punkt sechs taucht er auf. Er trägt das graue Haar nach hinten gekämmt, einen eng am durchtrainierten Leib anliegenden Khaki-Anzug, Sneakers, Epauletten an Brust und Schultern: „RAM“.

„Remote Area Medical“ – eine Organisation von Freiwilligen, die kostenlos medizinische Versorgung in strukturschwachen Gegenden organisiert. Stan Brock, 72 Jahre alt, geboren in England, ist der Gründer. Er bekämpft ein Virus, das sich neuerdings schnell ausbreitet: Armut.

Die Krise hat ihn zu einem Seismografen des neuen Amerika gemacht. Je schlechter es dem Land geht, desto voller die Parkplätze vor den Hallen, Schulen und Stadien, in denen Doktor Stan Brock mit seiner mobilen Letzte-Hilfe-Klinik Station macht. Amerika ist eines der reichsten Länder der Welt, Brock verarztet die Ärmsten. Es werden immer mehr.

US-Präsident Barack Obama hat ihnen eine bezahlbare Krankenversicherung versprochen, er hat angekündigt: Niemand dürfe wegen Krankheit in der Armut enden, jeder müsse die Chance auf einen Versicherungsschutz haben. Doch noch ist unklar, ob Obama vor der Sommerpause diese für ihn so immens wichtige Reform auf den Weg bringen kann (siehe: „Notfall“)

Bis dahin bleibt noch viel Arbeit für Stan Brock. Rastlos eilt er von einem Krisengebiet zum nächsten: Ohio, Kentucky, Virginia, Kalifornien. In einem Vierteljahrhundert Dienst hat er fast 600 Einsätze an der Gesundheitsfront geleistet. In seinem Heer dienen Dutzende Ärzte und Hunderte Krankenpfleger. In seinen Akten sind derzeit 379 994 Patienten verzeichnet.

Heute also Harrogate, auf dem Parkplatz einer kleinen Universität in einer gottverlassenen Gegend in den Appalachen von Tennessee. Als Brock auf die Sekunde genau um sechs Uhr die Tür seiner mobilen Klinik öffnet, drängen sich Hunderte auf dem Rasen. Generalstabsmäßig haben Mitglieder der State Trooper, einer Art Freiwilligen-Armee aus zumeist Vietnam-Veteranen für Katastrophenfälle nächtens die ersten 600 Nummern verteilt.

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