US-Gesundheitswesen
Todesursache: Finanzkollaps

Das marode Gesundheitswesen ist eines der großen Themen im US-Präsidentschaftswahlkampf. Rund 46 Millionen US-Amerikaner sind ohne Krankenversicherung, die Kosten für die Versorgung der Armen explodieren. Das Grady Hospital in Atlanta steht exemplarisch für die Misere. Eine Handelsblatt-Reportage über Massenabfertigung und Resignation.

ATLANTA. Als Dr. Philip Shane an diesem Montagmorgen um 10 Uhr seine Schicht im Emergency Room des Grady Memorial Hospitals in Atlanta antritt, ist der Wartesaal bereits gefüllt. Menschen kauern in den Stühlen, mehr Schwarze als Weiße, mehr Alte als Junge. In den Gängen der Notaufnahme, auf verblichenem Linoleumboden und entlang von Wänden aus gesprungenen Kacheln reiht sich Bett an Bett. Einige Patienten schlafen, andere folgen den Vorbeigehenden stumm mit den Augen, wieder andere brabbeln halblaut vor sich hin. Pfleger und Ärzte eilen durch die Korridore. Der Geruch von abgestandenem Essen mischt sich mit dem stechend süßlichen Aroma von Antiseptika.

Ein ganz normaler Montag im Grady Memorial Hospital. Mit knapp einer Million Patienten im Jahr und rund 200 000 Besuchern in der Notaufnahme, dem „Emergency Room“, ist Grady eines der größten öffentlichen Allgemeinkrankenhäuser in den USA. Es ist Fluchtort und Endstation für die, die außerhalb des bürgerlichen Amerika stehen. Für die Mittellosen, für Kriminelle, auch für illegale Einwanderer.

Seit der Gründung im Jahr 1892 gehört es hier zum Auftrag, sich um die sozial Schwachen zu kümmern. Doch das Geld reicht längst nicht mehr. Über 200 Millionen Dollar im Jahr kostet die Versorgung der nichtversicherten Patienten. Die staatlichen Zuschüsse decken gerade einmal die Hälfte der Ausgaben. Das Grady Memorial ist damit zum Synonym für die Krise des amerikanischen Gesundheitssystems geworden: 47 Millionen US-Bürger sind ohne Krankenversicherung, mehr als 16 Prozent aller Amerikaner.

Hier steckt viel Reformbedarf, viel Unzufriedenheit, viel Wählerpotenzial. Und deshalb ist das US-Gesundheitssystem eines der zentralen Themen im aufziehenden US-Präsidentschaftswahlkampf.

Grady befindet sich seit Jahren in einer chronischen Krise: 2006 machte das Krankenhaus Verluste in Höhe von 67,3 Millionen Dollar; im laufenden Jahr dürften die Verluste bei über 100 Millionen Dollar liegen. Und das, obwohl das Krankenhaus Zuschüsse der Stadt und der Landkreise sowie Zahlungen aus den Fonds für Medicaid und Medicare, den staatlichen Krankenversicherungen für Arme und Alte, erhält.

Doch in den Emergency Rooms, kurz ERs, können Patienten nicht abgelehnt werden, versichert oder nicht, Notfall oder Simulant – so steht es im „Emergency Medical Treatment and Active Labor Act“ von 1986. „Wenn wir diesem öffentlichen Auftrag weiterhin nachkommen wollen, brauchen wir Geld“, sagt Timothy Jefferson, Senior Vice President und Chefjustiziar von Grady.

All das sind Themen, für die Dr. Philip Shane an diesem Montag keine Zeit hat. Im ER zu arbeiten heißt, hart zu sein. Denn die Wirklichkeit ist hart. Und das Gesundheitswesen federt sie kaum ab.

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