US-Kommentator spießt Handelsüberschüsse auf
„Deutschland ist der wahre Übeltäter“

Viele deutsche Exportunternehmen verurteilen die jüngste Yuan-Abwertung und fürchten Konkurrenz zu Dumpingpreisen. Doch der wahre Übeltäter sei nicht China, sondern Deutschland, argumentiert ein US-Kommentator.
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New YorkWer etwas Negatives über Deutschland hören will, muss entweder linke Europäer oder angelsächsische Ökonomen fragen. Oder Jon Hilsenrath, den wichtigsten Kommentator der amerikanischen Geldpolitik beim „Wall Street Journal“. Der schreibt: „Deutschland, nicht China, ist heute der wirkliche Übeltäter im Außenhandel.“ Er greift damit eine auch bei amerikanischen Politikern weit verbreitete These auf, aber man hat sie selten so explizit und in so großer Verbreitung gelesen. „Chinas Entscheidung, die Währung abzuwerten, sieht aus wie ein Akt von ökonomischem Krieg, ein Versuch, den eigenen Export und die heimische Wohlfahrt zu fördern und gleichzeitig die Handelspartner zu schädigen“, schreibt der Journalist. Und fährt fort: „Aber Deutschland, nicht China, ist der wirkliche Gewinner im globalen Währungs- und Wirtschaftskrieg“.

Seit 2008 ist der Wert des Euro gegenüber anderen wichtigen Währungen um 12,5 Prozent gesunken, kritisiert er mit Bezug auf Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Die chinesische Währung hat hingegen seit damals um 34 Prozent zugelegt, die jüngste Abwertung fällt dagegen kaum ins Gewicht. Der deutsche Handelsüberschuss, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, wuchs von 5,8 Prozent im Jahr 2008 auf 7,5 Prozent 2014 und wird nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds 2015 rund 8,4 Prozent erreichen. „Die einzigen Länder mit höheren Überschüssen sind Singapur, Botswana, Kuwait, Taiwan, Timor-Leste, die Niederlande und Papua-Neu-Guinea“, schreibt Hilsenrath. Der Überschuss Chinas sank dagegen von 2008 bis 2014 von 9,2 auf 2,0 Prozent. In diesem Zeitraum bezog China Waren im Wert von durchschnittlich 9,8 Prozent der eigenen Wirtschaftskraft aus dem Ausland, Deutschland dagegen nur 2,7 Prozent.

Immerhin räumt der Amerikaner ein, dass Deutschland die Schwäche des Euros nicht herbeigeführt, sondern sich sogar gegen eine lockere Geldpolitik in Europa gewehrt hat. Trotzdem fragt er am Schluss seines Kommentars: „Deutschland hat den Vorteil davon und muss sich vom Rest der Welt fragen lassen: Was hast du für uns in der letzten Zeit getan?“

In Deutschland gelten starke Unternehmen, gute Produkte und die Sparsamkeit der Bürger als Ursachen der hohen Handelsüberschüsse. Bei diesem Stolz auf die eigenen Tugenden wird der Beitrag der Euro-Krise, die neben einer schwächeren Krise ja auch besonders niedrige Zinsen mit sich bringt, in der Tat häufig übersehen. Starker Konsum und entsprechende Defizite im Außenhandel gelten den Deutschen eher als Zeichen wirtschaftlicher Schwäche und privater Verschwendungssucht. Die Amerikaner sehen es tendenziell genau anders herum. Ihrer Meinung nach ist der eigene Konsum ein wertvoller Beitrag zur weltweiten Konjunktur, und sind hohe Überschüsse eher eine Art Raub an den Nachbarn. „Deutschland hat einen größeren Anteil der globalen Produktion abgesaugt“, schreibt Hilsenrath. Eine offensichtlich misslungene Formulierung, richtig wäre: „Deutschland hat einen größeren Anteil der globalen Nachfrage für sich genutzt.“

Raghuram Rajan, indischer Notenbank-Chef mit einer prestigeträchtigen Vergangenheit als Ökonom in den USA, wirft den Industrieländern insgesamt vor, mit ihrer lockeren Geldpolitik Nachfrage für sich abzusagen statt echtes Wachstum zu fördern. Auf einer Veranstaltung vor einigen Monaten nannte er dabei keine Notenbanken explizit, aber es war klar, dass er ebenso die Fed in den USA wie die EZB in Europa im Visier hat.

Die Vorwürfe der Amerikaner gegenüber Deutschland haben einen Sub-Text, den Hilsenrath unerwähnt lässt. Sie richten sich gegen die in ihren Augen unerträgliche Selbstgerechtigkeit der Deutschen im Umgang mit Griechenland. Diesem Punkt kann man auch zustimmen, wenn man die ökonomische Argumentation für überzogen hält.

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  • „Aber Deutschland, nicht China, ist der wirkliche Gewinner im globalen Währungs- und Wirtschaftskrieg“.
    Ja, das mag sein. Aber nicht, wie im Subtext zu verstehen ist, weil Deutschland böse ist, sondern weil das Preis-Leistungs-Verhältnis der Produkte stimmt.

  • "Was hast du für uns in der letzten Zeit getan?“
    Nein, das muss sich Deutschland nicht fragen lassen. Die Nachfrage nach dt. Produkten haben diese Fragesteller selbst geschafften. Keiner hat ihnen das aufgezwungen.

  • Noch einmal Herr Wilhelm: Ein sich am Markt bildender Wechselkurs, frei von Manipulationen der Liquiditaet und der Zinsen sind die Loesung. Ein Wechselkurs, der von irgendwem “angepasst” wird, dient immer irgendwelchen Interessen. Konjunktur beleben, Arbeitsplaetze retten etc. etc. Meistens behindern sich die Manipulatoren gegenseitig, Stichwort Waehrungskrieg!

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