US-Luftangriffe
Afghanistan: Mehr als 100 Zivilisten getötet

Im Südwesten Afghanistan sind bei Angriffen der US-Luftwaffe mehr als 100 Zivilisten getötet worden, darunter auch Frauen und Kinder. Nach Berichten afghanischer Abgeordneter aus der Region kann die Zahl der Opfer sogar noch steigen.

HB KABUL. Ein Angeordneter sagte, die Zahl der bislang mehr als 100 zivilen Opfer könne ansteigen, weil weiterhin Menschen unter den Trümmern bombardierter Häuser lägen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bestätigte den Tod von Zivilisten.

"Unser Team ist am Dienstagnachmittag in die Dörfer gegangen und hat Dutzende Leichen gesehen, darunter Frauen und Kinder", sagte Rotkreuz-Sprecherin Jessica Barry in Kabul. Unter den Opfern seien ein Helfer des Roten Halbmonds, des Partners des Internationalen Roten Kreuzes in Afghanistan, und 13 seiner Familienangehörigen. Der afghanische Präsident Hamid Karsai ordnete von den USA aus eine Untersuchung an. Karsai nannte die zivilen Opfer nach Angaben seines Palastes in Kabul "nicht zu rechtfertigen und inakzeptabel". Er kündigte an, das Thema bei seinem Treffen mit US-Präsident Barack Obama am Mittwochabend zur Sprache zu bringen. Eine gemeinsame amerikanische und afghanische Untersuchungskommission habe sich auf den Weg nach Farah gemacht.

Karsai und sein pakistanischer Amtskollege Asif Ali Zardari wollten im Laufe des Tages zu einem Gipfeltreffen mit Obama in Washington zusammenkommen. Zentraler Punkt der Gespräche ist der Vormarsch der Taliban in Afghanistan sowie Pakistan. Vor der afghanischen Präsidentschaftswahl im August hat Karsai, der erneut kandidiert, seine Kritik am Vorgehen der ausländischen Truppen in Afghanistan deutlich verschärft. Opfer unter der Zivilbevölkerung bei Militäroperationen sorgen für zunehmenden Unmut im Volk. Karsai und die Vereinten Nationen haben die ausländischen Streitkräfte bereits mehrfach zu größerer Vorsicht aufgerufen.

Farahs Gouverneur Ruh-ul-Amin hatte am Dienstag gesagt, bei den Luftangriffen und Gefechten seien am Montag in dem Dorf Girani im Distrikt Bala Boluk 25 Taliban-Kämpfer getötet worden. Außerdem seien eine große Zahl Zivilisten ums Leben gekommen. Der Gouverneur hatte den Taliban vorgeworfen, sich vor den Luftangriffen in Wohnhäusern mit Zivilisten verschanzt zu haben. Die US-Armee teilte am Dienstagabend mit, man untersuche Berichte über zivile Opfer bei einer andauernden Operation in Farah. "Wir nehmen die Sicherheit afghanischer Zivilisten sehr ernst."

Nach Angaben der Vereinten Nationen kamen im vergangenen Jahr mehr als 2100 Zivilisten in Afghanistan gewaltsam ums Leben, 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Für 55 Prozent der zivilen Opfer machten die UN Aufständische verantwortlich, für 39 Prozent die ausländischen und afghanischen Truppen, sechs Prozent konnten nicht zugeordnet werden. Den UN-Angaben zufolge starben die meisten der von den Aufständischen getöteten Zivilisten bei Selbstmord- oder Bombenanschlägen oder bei gezielten Attentaten. Die meisten der von den Truppen getöteten Unbeteiligten kamen demnach bei Luftangriffen ums Leben.

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