US-Präsidentschaftskandidat John McCain
Selbstbewusst gegen den Trend

John McCain glaubt an den militärischen Erfolg im Irak. John McCain glaubt daran, dass mit Atomkraft ein Teil des Klimaproblems gelöst werden kann. Und John McCain glaubt auch, dass die Einwanderungsfrage pragmatisch angepackt werden muss. Im US-Wahlkampf verkauft der Republikaner nur ein Produkt: John McCain.

GILFORD. Zu Dritt haben sie sich an diesem Morgen auf den Weg von Wolfeboro nach Gilford gemacht. Amy, die Frau von Matthew Stanley, seine Mutter Lynn und Stiefvater Jim. Sie sind durch das Hügelland von New Hampshire gefahren, durch den Nebel, bis sie nach gut 30 Meilen vor dem roten Feuerwehrhaus in Gilford ankommen. Als sie aus ihrem Auto aussteigen, will der Trubel, der dort um den Redner an diesem Morgen herrscht, um John McCain, so gar nicht zu der friedlichen Stimmung der Anreise passen. Und nicht zu dem Kummer der Stanley-Familie.

Ein paar Minuten später steht McCain nur ein paar Armeslängen von den Stanleys entfernt. In seinem blauen Jackett, mit offenem Hemd und schwarzer Hose, sieht der 71-Jährige schlank und groß aus an diesem Tag. Er wirkt gut gelaunt. Er provoziert ein paar Lacher, als er über das herbe Wetter von New Hampshire spricht. Er macht einige launige Bemerkungen zu den Schülern, die in großer Zahl gekommen sind – bis er die Stanleys sieht. „Ich danke Ihnen für Ihren Dienst in Irak“, sagt er unvermittelt und blickt zur Stuhlreihe, in der die Familie Platz genommen hat. Im Rund des Feuerwehrhauses ist die Volksfeststimmung auf einmal weggeblasen.

Zwei, drei Sätze nur sagt McCain. Dazu, dass Amys Mann Matthew am 16. Dezember 2006 in Bagdad starb, dass der 22-Jährige in einem Humvee saß, als am Straßenrand eine Bombe explodiert. „Ich habe nicht genug Worte, um zu beschreiben, welche Trauer ich fühle“, fügt McCain an. Und was bei jedem anderen Politiker wie hohles Pathos klingen würde, wirkt bei John McCain echt. Mehr sagt der Senator aus Arizona nicht. Jeder weitere Satz würde den Moment zerstören. Doch McCains Instinkt führt ihn traumwandlerisch sicher über dieses Terrain. Jetzt weiß er, dass die Leute im Feuerwehrhaus ihm zuhören werden.

Die Leute von New Hampshire: John McCain hat eine eigene Beziehung zu den gerade mal rund 1,2 Millionen Menschen in diesem Kleinstaat in Neu-England. Die Menschen dort sind eigenwillig, freiheitsliebend, redselig. Sie sind verwöhnt, weil sie von der amerikanischen Politik seit über 90 Jahren umschmeichelt werden, weil sie es immer geschafft haben, die ersten zu sein, wenn es Wahlen in den USA gibt. Seit 1916 finden die ersten Primaries, die Vorwahlen der Parteien, in New Hampshire statt. Der Bundesstaat, der an Kanada grenzt, setzt seither immer die erste Duftmarke im Rennen um die Präsidentschaft. Die Bürger werden daher umworben wie in keinem anderem Bundesstaat.

Wie von John McCain. Doch der hat bittersüße Erinnerungen an seinen letzten Sieg. Denn der war im Jahr 2000 zwar überraschend klar, doch wurde der Höhenflug schon bald in South Carolina wieder gestoppt. McCain musste im Süden George W. Bush Platz machen, eine Schlammschlacht folgte, dann der Absturz. Jetzt, sieben Jahre später, ist McCain wieder in New Hampshire, er spricht wieder auf kleinen Plätzen, in Feuerwehrhäusern und er muss wieder skeptische Gesichter überzeugen. Der inzwischen alte Mann lädt sich noch einmal die Ochsentour auf, mehr noch als früher setzt er inzwischen nur noch auf sich allein. Auf die Person McCain.

Die alleine soll es diesmal richten. Der Vietnam-Veteran meint, sich gegen den Medientrend stemmen zu können. So sind auch seine Themen: Er glaubt an den militärischen Erfolg im Irak, er glaubt daran, dass mit Atomkraft ein Teil des Klimaproblems gelöst werden kann, und er glaubt auch, dass die Einwanderungsfrage pragmatisch und nicht stur nach Prinzipien angepackt werden muss.

Zur Immigrationspolitik wird McCain immer wieder gefragt, häufig auch attackiert. Doch dann gelingen ihm auch so wunderbar richtige Sätze, wie am Abend des gleichen Tages in der großen TV-Debatte von New Hampshire. Als es darum geht, ob der neue Gesetzentwurf, an dem McCain federführend beteiligt war, nicht faktisch eine Amnestie für all jene Einwanderer bedeutet, die illegal ins Land gekommen sind, steht McCain auf und sagt: „Meine Freunde, wenn ihr das nächste Mal nach Washington kommt, dann geht zum Vietnam Memorial und schaut Euch die Namen an, die dort ins schwarze Granit eingraviert sind. Sie werden sehr viele hispanische Namen finden.“ Als er das sagt, ist es wie im Feuerwehrhaus von Gilford Stunden zuvor. Die Leute hören zu – und seine Konkurrenz, die Giulianis und Romneys, wirken für einen Moment wie kleine Schüler.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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