US-Präsidentschaftswahl
Rock ’n’ Roll mit Mike

Vier Wochen vor der ersten Vorwahl in den USA mischt ein kauziger Außenseiter das Feld der Republikaner auf: Mike Huckabee. Der 52-Jährige ist authentisch wie kein anderer Bewerber um die Nachfolge von US-Präsident George W. Bush. Und er setzt auf Bill Clintons Mythos. Eine Handelsblatt-Reportage.

ORLANDO. Eine Dreiviertelstunde hat Mike Huckabee mit gut zwanzig Fans im „Boardroom“ im 12. Stock des CNL-Centers von Orlando zusammengesessen. Die meisten Gäste sind Geschäftsleute hier aus Florida, die ihre Scheckbücher herausholen und für seinen Wahlkampf spenden wollen.

Als die Sitzung zu Ende geht, ruft Huckabee, der am Kopfende des langen ovalen Tisches sitzt, zum Gebet. Er schließt die Augen und senkt den Kopf, dann bittet er Gott für die Menschen in diesem Raum, für Amerika und die Welt um seinen Segen. Keiner in der Runde verweigert sich, keiner hat auch nur die Augen geöffnet. Für Momente liegt eine heilige Stille über dem Raum, und da ist kein Pathos, keine Show.

Mike Huckabee hat etwas, das seinen Mitbewerbern fehlt: Der 52-Jährige ist authentisch wie kein anderer Bewerber um die Nachfolge von US-Präsident George W. Bush. Nichts bei ihm wirkt gekünstelt oder choreografiert. Und die Wähler der Republikaner scheinen sich nach einem wie Huckabee zu sehnen. Am Wochenende überholte er in Umfragen in Iowa erstmals Favorit Mitt Romney.

Keiner seiner Rivalen hatte Mike Huckabee, der einst den Ministaat Arkansas regierte, richtig ernst genommen. Belächelt hatten sie ihn, als er sich im Juni bei einer Fernsehdebatte als „Kreationist“ outete, der alleine an die Schöpfung durch Gott glaubt. Als Spinner hatten sie ihn abgetan, weil er stur immer wieder die völlige Abschaffung der Einkommensteuer forderte. Er will sie durch eine bundesweite Mehrwertsteuer von 23 Prozent ersetzen. Und als chancenlos galt er, weil Huckabee im teuersten US-Wahlkampf aller Zeiten pro Quartal mit Mühe gerade mal eine Million Dollar an Spenden eintrieb.

Herablassung war einmal. Heute werden arrivierte Republikaner-Kandidaten nervös, wenn sie mit Huckabee aufs Podium müssen. Romney fürchtet um seinen Sieg in Iowa, und New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani sieht im Vergleich mit dem „Gottesmann“ Mike Huckabee zunehmend wie ein kleiner Gauner aus.

„Huckabees Kommunikationstalent ist gleich groß oder größer als das sämtlicher Konkurrenten – ob Republikaner oder Demokraten“, sagt „Newsweek“-Kolumnist Howard Fineman. Bei Huckabee verschwindet die Person nicht hinter einem Wall aus Worten. Bei ihm wird sie erst durch seine Worte sichtbar. Dieser Wahlkampf ist „sein Ding“. Als sei es eben Gottes Wille, was aus all dem werde. Huckabee wirkt, als sei ihm Strategie einerlei; als sei es allein sein Glaube, der ihn führt. Die Lehrjahre an baptistischen Hochschulen, theologischen Seminaren und beim populären TV-Prediger James Robinson haben ihre Spuren hinterlassen.

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