US-Präsidentschaftswahlkampf
Südwind aus New Mexiko

New Mexikos Gouverneur Bill Richardson will mit seiner Latino-Connection das demokratische Spitzentrio unter den Präsidentschaftskandidaten sprengen. Eines steht bereits fest: Der Unterhaltungswert der Politshows wird mit Richardson deutlich steigen.

WASHINGTON. Der Gouverneur aus New Mexiko hält sich nicht lange damit auf, seinen Zuhörern etwas vorzumachen. Als Bill Richardson seinen Hut in den Ring wirft, tut er dies gleich in zwei Sprachen – in Englisch und Spanisch. Dem zwar in Kalifornien geborenen, aber zu einem Gutteil in Mexiko City aufgewachsenen Richardson geht es vor allem um eines: Um die Stimmen der Millionen von eingewanderten Hispanics. Deshalb ist der 59-Jährige an diesem Tag bei den Latinos in Los Angeles, deshalb spricht er auch in ihrer Sprache. Ihre Unterstützung soll ihn bis zum demokratischen Wahlkonvent nächstes Jahr nach Denver tragen

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Ob es Richardson tatsächlich gelingen kann, in die Phalanx der „Großen Drei“ einzubrechen, die offenbar bereits den Kuchen unter sich aufteilen, ist indes mehr als ungewiss. Denn Hillary Clinton und Barack Obama scheinen bereits meilenweit vom Rest des demokratischen Feldes entfernt. Doch ein wenig hat Richardson in den Umfragen schon Tuchfühlung zu John Edwards aufgenommen, bislang die Nummer Drei unter den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. So würden nach Daten des Meinungsforschers John Zogby in Iowa, einem der ersten Bundesstaaten, in dem die Serie der Vorwahlen beginnt, schon 10 Prozent für Richardson stimmen.

Gut sieht es für den Gouverneur offenbar auch in dem einwanderungsstarken Nevada aus. Und von dort könnte der Flieger mit Richardson richtig abheben, spekulieren Experten. Unterschätzen sollte man den gewichtigen Gouverneur deshalb auf keinen Fall. Und wenn nicht als Frontmann, so könnte sich Richardson als „running mate“ des Spitzenkandidaten oder der Spitzenkandidatin empfehlen, als Mann für das Amt des Vizepräsidenten, der als Pfund die Stimmen der großen hispanischen Minderheit mitbringt.

Das könnte so sein, muss aber nicht. Denn Richardsons liberale Haltung zur Einwanderung ist in einer Wahlkampagne beileibe kein Selbstläufer. Das zeigt gerade erst wieder die aktuelle Debatte über den Entwurf eines Einwanderungsgesetzes, auf das sich parteiübergreifend das Weiße Haus und der Senat verständigt haben. Seitdem die Details auf dem Markt sind, hagelt es Kritik. Als Amnestiegesetz verschrien würde es Millionen Einwanderer, die auf dunklen Wegen in die USA gekommen sind, legalisieren. Quer durch das politische Spektrum verlaufen die Gräben bei diesem Thema. Und schon jetzt ist klar, dass vom besprochenen Gesetzentwurf in der heutigen Fassung nicht mehr viel übrig bleiben wird - wenn es überhaupt noch zu einem fertigen Gesetz kommt bis zu den Präsidentschaftswahlen im November 2008. Gut vorstellbar ist vielmehr, dass die Politik das Thema gar nicht mehr anfasst: Zu kontrovers, zu emotional, zu sehr vermint. Besser man lässt die Finger von einer Sache, die Republikaner und Demokarten gleichermaßen spaltet.

Also auch Finger weg von Bill Richardson? Dabei bringt der Sohn einer mexikanischen Mutter und eines halb-mexikanischen Vaters politisch eigentlich genau das mit, was ein Kandidat benötigt. Er steht in der zweiten Amtszeit als Gouverneur eines großen Bundesstaates, er war 14 Jahre lang Mitglied des Repräsentantenhauses, unter Bill Clinton diente Richardson zweieinhalb Jahre als Energieminister und zuvor war er US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Es ist der ideale Mix aus innen- und außenpolitischer Erfahrung, gewürzt dazu noch mit einer Prise ansteckendem Optimismus, der in den USA politisch überlebenswichtig ist.

6,2 Mill. Dollar hat Richardson im ersten Quartal dieses Jahres eingesammelt. In normalen Zeiten wäre das ziemlich viel Geld, nicht aber in der Kampagne '08, die Millionen wie Papier verbrennt. 26 Millionen Dollar holte Hillary von ihren Unterstützern im gleichen Zeitraum, 25 Obama und 14 John Edwards. Richardsons Bilanz nimmt sich dagegen bescheiden aus – dafür aber investiert er sein Geld strategisch. „Name recognition“ heißt das Zauberwort für den Neu-Mexikaner. Zu viele Amerikaner kennen ihn noch nicht, deshalb investiert er seine Spendengelder in Personalitywerbung im Fernsehen. Richardson ist dabei witzig und originell: Trat er für seine Wiederwahl als Gouverneur 2006 als Sheriff auf, so führt er nun ein virtuelles Bewerbungsgespräch für das Amt des US-Präsidenten. „Sie sind für den Job vielleicht ein bisschen überqualifiziert“, meint der Interviewer am Ende. Dann lehnt sich Richardson genüsslich zurück. Auf Youtube sind die Richardson-Spots bereits eine Klasse für sich.

Und vielleicht gerade noch rechtzeitig springt er nun auf den Präsidentschaftszug, um bei den publikumswirksamen TV-Debatten dabei zu sein. So wie Anfang Juni wieder in New Hampshire, wo Demokraten und Republikaner kurz hintereinander bei CNN auftreten. Erstmals wird dann auch Richardson dabei sein. Fest steht dann schon eines: Der Unterhaltungswert der Politshows dürfte deutlich gesteigert werden.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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