US-Strategie
USA fehlen Reserven für Afghanistan-Einsatz

US-Präsident Barack Obama wird möglicherweise bereits am heutigen Freitag über die neue US-Strategie in Afghanistan entscheiden. Kapazitätsgrenzen der US-Armee erschweren dabei die Aufstockung der Truppen. Nato-Generalsekretär Rasmussen verlangt ein größeres Engagement der Europäer.

WASHINGTON/BRÜSSEL. Von der neuen US-Strategie hängt ab, ob und wie viele zusätzliche Truppen an den Hindukusch entsandt werden. Bisher stehen sich in der fieberhaft geführten Debatte zwei Lager gegenüber: Jene Experten, die wie der US-Kommandeur Stanley McChrystal 40 000 weitere Soldaten fordern, um El Kaida und die Taliban langfristig zurückzudrängen. Und das von Vize-Präsident Joe Biden angeführte Lager, das eine reine Anti-Terror-Strategie favorisiert, die mit erheblich weniger Truppen auskommen würde. Derzeit sind 68 000 US-Soldaten in Afghanistan stationiert.

Obama unterliegt bei seiner Entscheidung allerdings nicht nur strategischen Überlegungen. Sollte der US-Präsident zahlreiche neue Kräfte nach Afghanistan beordern, würde dies die US-Armee, die von allen Waffengattungen sowie der Nationalgarde die Hauptlast trägt, vor enorme Herausforderungen stellen. Denn obwohl nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Erhöhung der Armeestärke angestrebt und 2004 im Kongress beschlossen worden war, wuchsen die Streitkräfte seither lediglich um gut 14 Prozent. Mit rund 550 000 Angehörigen hat die US Army heute lediglich ein Drittel der Größe, die sie - damals allerdings noch als Wehrpflichtigenarmee - zur Zeit des Vietnamkriegs hatte. Dabei ist sie auf zwei großen Konfliktschauplätzen im Einsatz, in Afghanistan und im Irak.

Der nur schleppende Aufbau der Armee hat auch damit zu tun, dass der frühere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld das Konzept einer schlanken und auch billigeren Truppe verfolgte. Erst unter dem amtierenden Ressortchef Robert Gates nahm die Rekrutierung Fahrt auf. Doch im Grunde war auch dies immer noch viel zu langsam, um die Lücken zu schließen, glauben Militärexperten.

Die Folge ist ein enormer Stress, der auf den Soldaten lastet und der zu hohen Selbstmordraten führt. 2008 töteten sich 139 Soldaten, dieses Jahr bisher 71. Nach einer Studie des Thinktanks Rand Corporation aus dem Vorjahr trägt zudem einer von drei Soldaten von seinen Einsätzen psychische Schäden davon. Nach Ende der Offensive im Irak und dem Nachlassen der Gewalt wurden die Entsendungszeiten zwar von 15 wieder auf zwölf Monate zurückgenommen. Doch selten übersteigt die Zeit vor dem nächsten Kommando die Jahresfrist.

So verfügen die USA heute zwar über eine Armee, die noch niemals so viel Erfahrung in aktiven Operationen gesammelt hat. Denn knapp 70 Prozent der Armeestreitkräfte waren bisher mindestens einmal in den Irak oder nach Afghanistan abkommandiert. Doch gleichzeitig sind die Soldaten in hohem Maße ausgelaugt und erschöpft. "Wir haben keine zusätzlichen Reserven für neue Entsendungen nach Afghanistan - außer wir ziehen sie aus dem Irak ab", sagt Timothy Muchmore, stellvertretender Direktor einer Analyseeinheit der US Army. Und Generalstabschef Michael Mullen sagte im September bei einer Anhörung im Kongress, dass die US-Truppen am Hindukusch in den letzten vier bis fünf Jahren unzureichend ausgestattet gewesen seien. Dies habe vor Ort zu einer "Kultur der Armut" für die USA geführt.

Umso mehr wären die USA deshalb auf Unterstützung der Alliierten angewiesen. Der kanadische Verteidigungsminister Peter Mackay rechnet damit, dass Gates auf dem Treffen der Nato-Verteidigungsminister in zwei Wochen in Bratislava eine Anfrage für die Entsendung von zusätzlichen Truppen an die europäischen Verbündeten stellen könnte. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen warnte davor, dass die USA die transatlantische Sicherheitsallianz als nutzlos betrachten könnten, sollten sich die Europäer dem amerikanischen Wunsch verweigern. "Es ist auch für die langfristige Gesundheit der transatlantischen Beziehungen wichtig, dass auch die Nicht-Amerikaner mehr zu dem Einsatz beitragen", sagte Rasmussen in Brüssel. In der Nato gehe es um gemeinsame Sicherheit, das müssten die europäischen Alliierten beherzigen. Wer keine zusätzlichen Soldaten nach Afghanistan senden wolle, solle sich an der Ausbildung der afghanischen Streitkräfte beteiligen.

Für Ärger sorgte im Bündnis vor allem der für 2010 geplante Abzug der niederländischen Soldaten. Unruhe gibt es aber auch, weil sich viele Europäer von den USA schlecht informiert fühlen. Bisher hätten die USA den Einsatz in Afghanistan vor allem als "amerikanischen Krieg" begriffen, sagte ein Nato-Diplomat. Deshalb sei es auch nicht erstaunlich, dass die Europäer nun auf die Entscheidung Obamas warteten.

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