US-Terrorexperte Bruce Hoffman zum 11. September
„Wir haben El Kaidas Rückkehr zugelassen“

Der US-Terrorismusexperte Bruce Hoffman warnt sieben Jahre nach den Anschlägen des 11. September, dass die Fortschritte im Kampf gegen El Kaida zum Stillstand kommen. Im Interview mit Handelsblatt.com bemängelt er eine wachsende Sorglosigkeit und verteidigt umfangreiche Sicherheitspakete der Regierungen. Die entscheidende Schlacht im Kampf gegen den Terror wird für ihn gleich an zwei Orten geschlagen.

Handelsblatt.com: Auch sieben Jahre danach sind die Terroranschläge vom 11. September 2001 das Trauma der Amerikaner. Ist es zu diesem Zeitpunkt schon möglich, die Ereignisse von damals in einen geschichtlichen Kontext zu stellen?

Hoffman: Der 11. September hat den Lauf der Geschichte verändert. 19 Männer haben die letzte Supermacht der Welt erfolgreich angegriffen. Die Folgen waren und sind gewaltig.

Was waren für Sie die größten politischen und wirtschaftlichen Folgen?

Zunächst einmal hat der 11. September unsere Auffassung von Staatssicherheit und Politik verändert. Wir haben erlebt, wie ein nichtstaatlicher Akteur in die Position eines Nationsstaats gerückt wurde - ein Nationalstaat, in dem wenige Einzelne ein ganzes Land in Angst und Schrecken versetzen. Terrorismus wurde durch die Angriffe vom 11. September zu einer existentiellen Bedrohung.

Und vorher war dies nicht der Fall?

Nein, oder nur selten. Terror wurde früher nur als Gefahr wahrgenommen, wenn der Einsatz von Massenvernichtungswaffen befürchtet wurde. Diese Angst existiert zwar immer noch, sie ist vielleicht auch noch größer geworden. Aber ich glaube, dass die Menschen vor sieben Jahren so entsetzt waren, weil es ein so herkömmlicher Terrorakt war. Gleichzeitig war er so unvorstellbar clever und hinterlistig durchgeführt. Dieser Angriff hat die Sicherheitspolitik der USA nachhaltig geprägt.

Gleich nach dem Anschlag gab es bedeutende Reaktionen in der Wirtschaft. Wie sieht es heute aus? Was wirkt nach?

Mit Sicherheit hat die Wirtschaft noch heute an den Nachwirkungen zu knabbern. Beispiel Sicherheit: Es wird viel mehr Geld ausgegeben – von Unternehmen, Regierungen, regional wie national. Und als wir dachten, dass die Kosten ihren Höhepunkt erreicht hätten, wurde 2006 eine Verschwörung aufgedeckt, nach der El Kaida 17 Flugzeuge sprengen wollte. Die Sicherheitsmaßnahmen, die auch unseren Alltag betreffen, wurden infolge noch strenger.

Kritiker der Sicherheitspakete sagen, dass der Terrorakt als Vorwand missbraucht wird. Wie stehen Sie dazu? Sind Ihrer Meinung nach alle neuen Maßnahmen gerechtfertigt?

Absolut. Vielleicht bin ich bei diesem Punkt besonders strikt, weil ich auf der Straße gegenüber dem Pentagon stand, als eins der Flugzeuge hineinstürzte. Zugegeben: Einige haben die Sicherheitsdebatte um den 11. September für ihre politischen Ziele genutzt. Aber dieser Tag und auch die Zeit danach haben die Schwachstellen des Staates gegenüber nichtstaatlichen Akteuren offenbart. Und er hat gezeigt, wie schwer es ist, solchen Angriffen vorzubeugen. Schließlich verlangen alle Bürger den größtmöglichen Schutz.

Und deswegen akzeptieren die Menschen immer strengere Sicherheitsmaßnahmen?

Viele fordern sogar noch strengere Regeln und Gesetze. Aber sicher müssen wir auch aufpassen. Einmal eingeführt, gibt es meist kein zurück mehr. Kaum ein Politiker wird das Risiko eingehen wollen, Sicherheitsbestimmungen wieder zu lockern und dann vielleicht für die Folgen des nächsten Terroranschlags verantwortlich zu sein.

Halten Sie einen ähnlichen Anschlag heute für möglich? Wie sehen Sie die Sicherheitslage?

Meine Meinung werden viele umbequem finden: 9/11 kann sich jeden Tag wiederholen. Stellen Sie sich vor, El Kaida hätte bereits 2006 mit dem geplanten Megaanschlag Erfolg gehabt. Dann hätten wir heute eine noch größere Sicherheitsdiskussion. Wir wären in ein noch strengeres System eingebunden. Dies Anschlagsgefahr bleibt – genauso wie die Sicherheitsdebatte.

Wie steht es um El Kaida? Man hört immer öfter auch von zahlreichen anderen Terror-Organisation.

El Kaida ist einzigartig. Es ist die erste Terror-Gruppe, die global agiert. 2001 gab es El-Kaida-Zellen in 60 Staaten – einem Drittel der Länder der Welt. El Kaida hatte tausende – manche sagen zehntausende – Männer ausgebildet. El Kaida verfügte über ein sehr effizientes Netz von Tochter- und Partnergruppen. Heutzutage kommt die Bedrohung nicht mehr ausschließlich vonEl Kaida. Allerdings: Alle anderen Gruppen sind irgednwie doch mit Osama bin Laden verbandelt, teilen zumindest seine Ideen. Seine Botschaft bleibt für viele Radikale Inspiration.

Wegen dieser Struktur lässt sich der Terror auch nur schwer bekämpfen?

Genau. Die chaotische Struktur garantierte El Kaida bislang das Überleben. Tatsächlich ist die Gruppe in den vergangenen Jahren nicht zerbrochen. Sie hat alle Angriffe der USA überstanden. Und auch die Verbündeten Amerikas finden kein Rezept.

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