US-Vorwahlen : Verhasster Liebling

US-Vorwahlen
Verhasster Liebling

Mitt Romney ist ein Phänomen: Viele Republikaner rümpfen über ihn die Nase. Und doch spricht vieles für seine Nominierung als Spitzenkandidat. Er hat Erfahrung, schwache Gegner - und Massen an Wahlkampfgeld.
  • 0

WashingtonLangweilig, blass, nicht authentisch, nicht konservativ genug – schier endlos ist die Liste der Vorwürfe, die gegen Mitt Romney erhoben werden. Und doch ist der Ex-Gouverneur von Massachusetts noch immer der Favorit unter den Republikanern, die für ihre Partei in diesem Jahr US-Präsident Barack Obama herausfordern wollen. Denn keiner ist so professionell, so kontrolliert und so hartnäckig wie der 64-Jährige. Wenn er von der konservativen Basis schon nicht geliebt wird, so will er von ihr wenigstens geachtet werden. In einem überaus schwachen Bewerberfeld könnte solcher Respekt zum Sieg genügen. Und das sogar schon bei den Vorwahlen heute in Iowa.

Romney hat sie in den vergangenen Monaten alle aufsteigen sehen – und wieder fallen: Die Teaparty-Ikone Michele Bachmann, die noch im August in Iowa vorne lag. Den Texaner Rick Perry, der wie eine Sternschnuppe an ihm vorbeischoss und dann verglühte. Den Pizzabäcker Herman Cain, dessen simple Wirtschaftsarithmetik mehrere Wochen lang verfing. Auch den smarten Newt Gingrich, das alte Schlachtross aus dem Kongress. Und sehr wahrscheinlich auch den letzten Neuzugang in der Spitzengruppe, Rick Santorum, der plötzlich bei den Evangelikalen in Iowa punkten kann. Sie alle machten am Ende noch mehr Fehler als Romney: Weil sie die Fakten nicht kannten, sich in Skandalen verloren oder auf der Bühne wie Amateure wirkten.

Ein erster oder zweiter Platz heute in Iowa und ein Sieg in New Hampshire eine Woche später wäre fast schon eine Vorentscheidung für Romney. Denn noch etwas unterscheidet den Mormonen von der Konkurrenz: sein Reichtum. Der Manager, der in den 1990er-Jahren die Strategieberatung Bain & Company sanierte, weiß nicht nur milliardenschwere Spender hinter sich, er besitzt selbst rund 250 Millionen Dollar. Seinen bis dahin schärfsten Konkurrenten Gingrich belegte er in den vergangenen Wochen mit einem wahren Trommelfeuer negativer Fernsehspots, bis sich die Bürger in Iowa von seinem Gegner abwandten.

Dabei bietet Romney selbst viele Angriffsflächen. Als Gouverneur von Massachusetts setzte er eine Gesundheitsreform um, die in großen Teilen jener von Präsident Obama ähnelt – und die bei republikanischen Traditionalisten verhasst ist. Als Geschäftsmann sorgte er mit dafür, dass Jobs aus den USA ins Ausland verlagert wurden. Als Politiker wechselte er bei republikanischen Kernthemen wie Abtreibung, Waffengesetze oder Bankenrettung je nach Opportunität seine Position. Doch mit Hilfe seiner professionellen Kampagne und seiner Finanzen errichtete Romney eine Brandmauer, die ihn schützt – zumindest bislang.

Nur: Was für den Vorwahlkampf reicht, muss noch lange nicht in der Auseinandersetzung mit Obama genügen. Die Feuerkraft des demokratischen Präsidenten ist Romneys mindestens ebenbürtig. Und welch formidabler Wahlkämpfer Obama ist, hat er vor vier Jahren bewiesen. Deshalb fürchten viele Republikaner, dass Romney – so wie John McCain 2008 – zwar einen ordentlichen Wahlkampf macht, aber in seiner Partei nie die Leidenschaft entfachen kann, die zum Sieg nötig ist.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " US-Vorwahlen : Verhasster Liebling"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%