US-Wirtschaft
Jobs ohne Stolz

Der Vorwahl-Zirkus der Republikaner zieht am Super-Tuesday auch durch Ohio. Hier, mitten in Amerikas Rustbelt, wird das Thema bereits durchexerziert, dass im November die Präsidentschaftswahl entscheiden wird: Jobs.
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North CantonDen Heizlüfter umdrehen, Kabel einziehen, Frontklappe einsetzen, mit einem Gummihammer festklopfen, wieder umdrehen, runter vom Tisch und ab zur Kontrolle. Dann kommt das nächste Dutzend der schwarzen Kunststoffkästen. Nur jeweils Sekunden braucht Harry Toulson für seine paar Handgriffe an einem EdenPure-Infrarot Heizlüfter. Toulson macht das vier mal die Woche, zehn Stunden am Tag, mit 30 Minuten Mittagspause. Sein Stundenlohn: 7 Dollar und 70 Cent, brutto. Nach allen Steuern und Abzügen bleiben am Ende einer Arbeitswoche 249 Dollar. Nach zwei Wochen hat er so knapp die Monatsmiete für sein Zwei-Zimmer-Appartement geschafft.

„Danach verdiene ich das Geld, mit dem ich spielen kann“, sagt der 71-Jährige und verzieht den Mund zu einem Lächeln. Spielen oder auch: Geld, mit dem sich Harry Brot, Wurst, Butter, Käse und ab und zu ein Bier kaufen kann.

Dabei hat Harry noch Glück. Denn der schmächtige, aber drahtige Mann bekommt aufgrund seines Alters und seiner Beitragszeiten noch zusätzlich Geld aus der staatlichen Sozialkasse. Und weil er über 65 Jahre alt ist, ist Harry Toulson kostenfrei bei der staatlichen Krankenversicherung Medicare versichert.

Die meisten seiner Kollegen sind dies nicht. Denn die Suarez Corporation Industries (SCI), die den Heizlüfter produziert, bietet ihren Mitarbeitern keine Krankenversicherung an. Und auch keine Zahlungen in die Pensionskasse. Und bei den meisten nicht mal ein direktes Arbeitsverhältnis, sondern nur eine Beschäftigung über ein Subunternehmen oder wie bei Harry über eine Zeitarbeitsfirma.

Dafür aber einen Job. Einen Job, der bis vor einem Jahr noch in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen nördlich von Hongkong angesiedelt war. Jetzt aber ist dieser Job wieder in den USA, in North Canton im Bundesstaat Ohio, eine Autostunde südlich von Cleveland, wo die Arbeitslosenrate zwischen acht und neun Prozent pendelt. Ohio: 420 000 Arbeitsplätze in der Produktion verlor der Bundesstaat zwischen 1999 und 2009.

Ohio wurde zum Synonym für den „Rust Belt“ der USA, wo einstige Industriegiganten langsam zu Grunde gingen. Und weil die Misere so groß ist, will niemand über die Arbeit bei SCI jammern, auch wenn sie schlecht bezahlt ist. „Besser so einen Job als gar keinen Job“, sagen sie im Werk.

Und Michael Giorgio, der General Manager und Finanzchef von SCI, sagt: „Nicht jeder kann Präsident sein“. Das klingt etwas netter, meint aber genau dasselbe. Die Zeiten in Amerika sind eben so: Nimm, was Du kriegen kannst und sei froh.

Das gilt auch für die Politik. Die schmückt sich gerne mit der Erfolgsgeschichte von SCI, die aus China wieder in den amerikanischen Schoß zurückgekehrt sind. Foul hatten die Chinesen gespielt, nachdem sie gesehen hatten, welch gutes Geld sich mit den Heizlüftern verdienen ließ. Schamlos wurden die SCI-Modelle von der chinesischen Konkurrenz abgekupfert und deutlich billiger auf den Markt geworfen, heißt es. Das florierende Geschäft brach ein, der einstige Standortvorteil Shenzehn wurde auf einmal zum Nachteil.

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  • Brötchen backen, die man verkaufen kann, schaffen Einkommen. Auch wenn es nur kleine Brötchen sind.

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