US-Wahl 2016
„I am sorry“

Miese Umfragewerte, miese Schlagzeilen, mieser Wahlkampf - Hillary Clinton hat eine schwierige Zeit hinter sich. Vergangene Woche aber war sie wieder ganz die Alte und brachte wichtige Worte über die Lippen.

WashingtonClinton war am Mittwoch in die Washingtoner Brookings Institution gekommen, um sich zum Atomabkommen mit Iran zu äußern. Sie verteidigte Obamas wichtigste außenpolitische Errungenschaft gegen die Fundamentalkritik der republikanischen Opposition, nutzte ihren Auftritt in der Denkfabrik aber zugleich, um sich von ihrem früheren Chef zu distanzieren. Clinton pflegt ein anderes Politikverständnis als Obama, sie ist zupackender, weniger zurückhaltend, wenn es darum geht, amerikanische Macht zu projizieren. Clinton stellte klar, dass sie den iranischen Expansionsdrang im Nahen Osten nicht tolerieren würde – gerade weil das Land durch den Atomkompromiss gestärkt werde. Auch Russland und China würde sie energischer entgegentreten.

Der bei Brookings versammelte Sachverstand zeigte sich beeindruckt. Erfahrung, Wissen und Entscheidungsstärke, das sind die Qualitäten, die das Washingtoner Establishment von einem Präsidenten erwartet. Die demokratische Kandidatin bestand den geostrategischen Eignungstest.

Es war ein Moment der Genugtuung für Clinton, und vor allem deshalb so bemerkenswert, weil solche Momente derzeit ziemlich selten sind. Clinton hat schwere Wochen hinter sich. Die große Favoritin ist ins Straucheln geraten. Die Umfragewerte sind mies, die Schlagzeilen noch mieser, langsam werden ihre Geldgeber nervös. Clinton steckt in einer Negativspirale, und es ist nicht klar, ob sie sich noch rechtzeitig aus ihr befreien kann.

In einem Wettbewerb, der nach Authentizität verlangt, präsentiert sich Clinton zu oft als Politikautomat, kühl und kalkulierend. Es ist der gleiche Fehler, den sie und ihre Berater schon 2008 begingen, auch damals wurde Clinton als Favoritin gehandelt, auch damals verspielte sie ihren Vorsprung, weil sie gekünstelt wirkte. Das Ende ist Geschichte: Präsident wurde Obama.

Einen zweiten Obama muss Clinton nicht fürchten, die Demokraten haben dieses Mal keinen jungen Charismatiker in ihren Reihen. Nur zwei ältere Herren, doch Clinton ist inzwischen so geschwächt, dass es keine Lichtgestalt mehr braucht, um ihr die Kandidatur streitig zu machen. Dafür reicht schon ein selbsterklärter Sozialist mit wirrem weißem Haar. Bernie Sanders ist die große Überraschung des Sommers, bisweilen wirkt er selbst so, als sei er von seinem Erfolg selbst verblüfft. Ausgerechnet in jenen beiden Bundesstaaten, in denen Anfang nächsten Jahres die Kandidatenkür beginnt, hat der Senator, der nicht einmal der demokratischen Partei angehört, Clinton einge- beziehungsweise überholt: Iowa und New Hampshire.

Während Team Hillary damit beschäftigt ist, Sanders Attacke an der linken Flanke abzuwehren, lauert in der Mitte Joe Biden. Auffallend öffentlichkeitswirksam ringt der Vizepräsident mit der Frage, ob er sich mit seinen 72 Jahren tatsächlich noch einmal ins Rennen stürzen soll. Biden hat erst vor ein paar Monaten seinen Sohn zu Grabe tragen müssen. Indem er seine Zerrissenheit demonstriert und Einblicke in sein Seelenleben gewährt, beweist er genau jene Menschlichkeit, die Clinton hinter ihrem Wahlkampfharnisch verbirgt.

So zeigt sich: Clintons gefährlichster Gegner heißt nicht Sanders oder Biden, er heißt Clinton. Statt zu zeigen, dass sie eine gute Präsidentin wäre, erweist sie sich als miese Wahlkämpferin. Seit mehr als einem Jahr diskutiert Amerika über ihr Email-Fach, in dem sich in ihrer Zeit als Außenministerin Berufliches mit Privatem mischte. Die Affäre hat ein Eigenleben entwickelt, weil sie das alte Vorurteil der Verschlagenheit zu bestätigen scheint: Die Clintons stehen seit jeher im Ruf zu tricksen und zu täuschen.

Und doch wäre die Affäre zu managen gewesen. Bislang jedenfalls hat die Emailauswertung nichts ans Licht gebracht, das Clinton ernsthaft beschädigen würde. Dass sie dennoch beschädigt ist, hat sie sich selbst zuzuschreiben. Ihr Krisenmanagement war miserabel. Fast ein halbes Jahr lang eierte sie herum, mal versuchte sie die Affäre kleinzureden, mal sie wegzuwitzeln. Dann plötzlich der Sinneswandel, die Entschuldigung. „I am sorry“, brachte sie am Mittwoch in einem Fernsehinterview über die Lippen – und was wohl auch heißen soll: Lasst mich jetzt bitte in Ruhe.

Moritz Koch ist USA-Korrespondent.
Moritz Koch
Handelsblatt / USA - Korrespondent
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