Digitaler Wahlkampf in den USA
Das Duell der Daten

Daten sind im US-Wahlkampf so wichtig wie nie. Sie bestimmen, wo ein Kandidat auftritt, was er verkündet, welcher Haushalt welche Werbung sieht. Ein Segen für die Wahlkämpfer – und ein Problem für die Demokratie.
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New YorkDer Mann, der Amerikas Wähler so gut kennt wie nur wenige andere, sieht so unscheinbar aus wie seine Daten. Dunkelblaues Sakko, hellblaues Hemd, kurze, lockige Haare – so steht John Aristotle Phillips an diesem Montagmittag in einem New Yorker Wolkenkratzer und verfolgt, wie einer seiner Datenspezialisten die Fragen einer Journalistin pariert. Es geht um die neuen FBI-Enthüllungen zu Clintons E-Mail-Skandal, darum, wie sich das auf Wahl auswirkt. Phillips Mitarbeiter zitiert ein paar Zahlen, eine Stunde später ist das Video online. Phillips wirkt zufrieden: gute Werbung für den 61-Jährigen und sein Unternehmen. Es heißt Aristotle – so wie er selbst.

John Aristotle Phillips ist in den USA ein gefragter Mann. Er hat eine Art Börse für Wahlergebnisse entwickelt und kann damit gute Prognosen liefern. Vor allem aber sitzt er auf einem wertvollen Schatz: Seine Firma besitzt die größte und älteste Wählerdatenbank der USA. Besuchte Internetseiten, Lieblingssender, Einkaufslisten, demografische Daten, Wahlhistorien: Hunderte solcher Datenpunkte hat er in seinem Archiv für Millionen Wähler registriert.

Phillips kann herausfiltern, welche Wähler in Oregon mehr als 80.000 Dollar im Jahr verdienen, katholisch sind und ein Haus besitzen. Seine Datenbank spuckt aus, wer in Florida die Demokraten unterstützt, bei den letzten Vorwahlen seine Stimme abgegeben hat und oft bei Wal-Mart einkauft. Phillips könnte auch danach suchen, wer die umstrittene Gesundheitsreform Obamacare in Texas unterstützt, bei der aktuellen Wahl aber noch unentschieden ist.

Die Möglichkeiten der Datenbank sind fast unbegrenzt. Fest steht nur, dass sie immer wertvoller wird.

Während Wahlen früher mit Erfahrung, guten Werbespots und einem Haufen Helfer gewonnen wurden, zählen heute Daten und Software. Technologien, die in der Wirtschaft den Begriff Industrie 4.0. erschaffen haben, bringen in der Politik einen neuen Wahlkampftypus hervor, der mit jeder Wahl wichtiger wird. Hillary Clinton, Donald Trump und viele andere Politiker spannen Menschen wie John Phillips deswegen für ihre Kampagnen ein.

Als Erster erkannte Barack Obama, wie man mit den neuen Techniken Wahlen gewinnt. Mit einer Kombination aus Begeisterung, unzähligen Freiwilligen und präzisen Datenanalysen zog er 2008 ins Weiße Haus ein. Aber das war nur der Anfang. Seitdem haben sich die Techniken ständig weiterentwickelt. Seitdem nimmt die Datenmenge ständig zu.

„Damals hat man noch in Silos gedacht“, sagt Daten-Guru Phillips. Es gab einzelne Datenpakete für Freiwillige, Spender, Medien und normale Bürger. „Heute haben wir einen 360-Grad-Blick“, sagt er und meint damit den Wähler. Leute wie Phillips können ihn aus jeder Blickrichtung einsehen und maßgeschneiderte Botschaften an ihn adressieren. Das erleichtert die Kommunikation. Aber es wirft auch die Frage auf, was solche Techniken anstellen – mit dem Wähler und mit der Demokratie.

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