Digitaler Wahlkampf in den USA: „Zeit und Geld sind im Wahlkampf die knappsten Ressourcen“

Digitaler Wahlkampf in den USA
Das Duell der Daten

  • 0

„Zeit und Geld sind im Wahlkampf die knappsten Ressourcen“

55Clinton
55Trump

Julius van de Laar ist einer der Pioniere dieser neuen Wahlkampfform. Schon bei der ersten Obama-Kampagne half er als Freiwilliger, die Jugend in Missouri zur Wahl zu bewegen. Vier Jahre später organisierte er hauptberuflich die Wählermobilisierung im Schlüsselstaat Ohio. Derzeit arbeitet van de Laar als Berater. Erst vergangene Woche kam er von seinem Besuch in Clintons New Yorker Wahlkampfzentrale zurück nach Berlin. „Mittlerweile weiß die Kampagne sogar, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Wähler sein Telefon abhebt“, berichtet er.

In zwei Wahlkämpfen hat van de Laar jeden Tag miterlebt, warum die Daten von Unternehmen wie Aristotle so wertvoll sind. „Zeit und Geld sind in jedem Wahlkampf die knappsten Ressourcen“, sagt er. Also geht es darum, sie so effizient wie möglich einzusetzen. Früher vertrauten die Wahlkampfmanager auf ihr Gefühl und ihre Erfahrung, sagt van de Laar. Heute ist der Effekt jeder Maßnahme messbar. Heute können Wähler mit individuell angepasster Werbung angesprochen werden.

Im Prinzip, sagt van de Laar, funktioniert es so: Zuerst teilen die Datenspezialisten die Wähler in vier große Gruppen ein. Hardcore-Demokraten, Hardcore-Republikaner, Unentschlossene und Leute, die zwar Demokraten oder Republikaner unterstützten, aber selten zur Wahl gehen.

Möglich ist das mithilfe der Daten – und ein wenig Statistik. Ein weißer 67-jähriger Ford-Pickup-Fahrer mit Einfamilienhaus aus Texas, der gerne Bourbon und Gewehrpatronen bei Wal-Mart kauft, wähle zum Beispiel eher Republikaner als eine 34-jährige Mutter aus Massachusetts, die einen Volvo fährt und Bio-Lebensmittel kauft, erklärt van de Laar. „Bei uns hatte am Ende jeder Wähler jeweils eine Punktzahl zwischen 0 und 100, zum einen für die Wahrscheinlichkeit, ob er Demokraten wählt und zum anderen für die, ob er überhaupt wählen geht.“

Mithilfe der Punktzahlen entscheiden die Kampagnenmanager dann, welche Wähler sie mit welchen Botschaften ansprechen. An Studenten gehen Angebote zur Bildungspolitik raus, Veteranen bekommen Material zur Verteidigungspolitik. Für Republikaner und überzeugte Demokraten wird wenig Geld für Werbespots frei gemacht, für Unentschlossene und sympathisierende Nichtwähler umso mehr.

Van de Laar sagt, dass die Daten auch darüber entscheiden, wo Clinton ihre Wahlkampfauftritte inszeniert und worüber sie in ihren Reden spricht. Für ihn sind solche Techniken Werkzeuge, um besser mit Menschen zu kommunizieren. Und sie helfen, eine Wahl zu gewinnen. Die Aufgabe einer Kampagne sei schließlich eine andere als die politischer Bildung. „Die einen haben die generelle Aufgabe die Wahlbeteiligung zu erhöhen, die anderen das alleinige Ziel die Wahl zu gewinnen – Punkt.“

Kommentare zu " Digitaler Wahlkampf in den USA: Das Duell der Daten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%