Hillary Clintons Wahlparty
Der Untergang – ohne Kapitänin

Die Bühne war in Form der USA aufgebaut, doch Hillary Clinton betritt sie nicht. Wie die treuesten Fans der Kandidatin darauf warten, einen Sieg feiern zu können – und am Ende allein die Niederlage verdauen müssen.
  • 3

New YorkNach zwölf Stunden werden wir endlich ins Allerheiligste eingelassen. Wir, das sind außer mir die verbliebenen Fans von Hillary Clinton, die Stunden vor und in dem Jakob K. Javits Convention Center von Manhattan angestanden haben, um sie zu sehen.
Ich habe mich um eins angestellt, als es schon eine lange Schlange auf der Straße gibt. Die Stimmung ist gut.

Kelly aus Mississippi läuft mit einem Hillary-Kostüm herum und erzählt, dass sie das zu Hause auch tut und manchmal aus dem Auto heraus deswegen angebrüllt wird. Eine junge Frau zeigt Fotos von einer früheren Veranstaltung mit der demokratischen Präsidentschaftskandidatin. Eine Dritte lässt ihre Beine mit ihren Leggins fotografieren, auf der Clinton abgebildet ist. Überhaupt gibt es viele junge Leute und viele Frauen. Sie tragen Hillary-T-Shirts und Anstecker. Auf manchen steht vorausschauend „We make history“. Noch ahnt niemand, dass es tatsächlich eine historische Wahl wird, die Amerika verändert. Aber Geschichte macht nicht immer Spaß, vor allem für die Verlierer.

So geht es Stunde um Stunde weiter. Zuerst werden wir in eine Vorhalle eingelassen. Dort ist die Stimmung auch noch aufgeräumt. Ein paar Ordner geben über Megafon Anweisungen, und weil die niemand versteht, werden sie über das menschliche Megafon, sukzessive Sprechchöre, bis hinten durchgereicht.

Das Publikum ist gemischt, jedes Alter ist dabei, sogar kleine Kinder, und jede Hautfarbe. Vom Kleidungsstil nicht ganz so bunt wie bei einer Bernie-Sanders-Veranstaltung in der Bronx, wo ich vor Monaten war, aber eben doch sehr vielfältig. Männer mit Anzug und Krawatte sehe ich am ganzen Abend aber nur zwei. Immer wieder brausen Sprechchöre auf – „Hillary, Hillay“, oder „I believe that she will win.“

Weil durchgesagt wird, dass man kein Essen mit reinnehmen darf, werden plötzlich eifrig Chips-Tüten herumgereicht, Äpfel angeboten und Schokoriegel durch die Luft geworfen. Ich entdecke zwei Reihen hinter mir meinen Freund Mike, der eine Freundin aus seinem Heimatstaat Indiana zum Feiern mitgebracht hat. Er ist Schauspieler, und vor fast genau einem Jahr hat er meisterhaft eine Donald-Trump-Parodie aufgeführt. Damals konnte man über Trump noch lachen.

Um 19 Uhr, nach sechs buchstäblich durchgestandenen Stunden, kommen wir in die Haupthalle. Oder nein – eben doch nur in eine Nebenhalle. Das Allerheiligste, die innere Halle des riesigen Kongresszentrums am Hudson River, ist für auserwählte Gäste reserviert – für die nächsten Stunden jeweils. Der gewöhnliche Hillary-Fan muss sich damit begnügen, im Stehen das Geschehen auf großen Bildschirmen zu verfolgen. Die Enttäuschung auf den Gesichtern ist unverkennbar, aber die meisten tragen es mit Fassung. Einmal stimmt einer den Sprechchor an „I believe that we’ll get in“. Aber das passiert erst sehr viel später.

Dann geht das ganz lange Geduldsspiel los. Zuerst ist die Stimmung noch gut. Begeisterung kommt auf, als Hillary im großen Bundesstaat Florida vorne liegt und in Ohio offenbar auch gut im Rennen ist. Aber schon ab 21 Uhr sind die ersten Bedenken spürbar. Dass Hillary in Virginia hinter Trump liegt, ist eine unangenehme Überraschung. „Oh, mein Gott“, erklingen Stimmen hinter mir. Virginia galt als sichere Bank für die Demokraten. Am Ende behält Hillary diesen Staat, verliert aber in Florida. Und in jeder Menge anderer Staaten. Zum Beispiel in Wisconsin, auch einem Staat, wo Trump als völlig chancenlos galt.

Auf dem Bildschirm wird CNN eingespielt, wo Experten komplizierte Berechnungen anstellen und darüber diskutieren, warum Trump so viel besser abschneidet als vorher von anderen Experten prognostiziert. Im Grunde läuft es immer wieder darauf hinaus, wortreich zu erklären, dass man keine Ahnung habe, was los sei und warum es anders komme als gedacht. Zwischendurch werden die Reden von bekannten demokratischen Politikern eingeblendet. Etwa von New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio, Senator Charles Schumer, der immerhin seine Wiederwahl gewonnen hat, und Andrew Cuomo, dem Gouverneur des Staates New York. Sie klingen immer noch wie Sieger, aber im Grunde interessiert sich keiner für sie. Jeder will nur die nächsten Ergebnisse auf dem Bildschirm sehen.

Seite 1:

Der Untergang – ohne Kapitänin

Seite 2:

„Ich wandere nach Afrika aus“

Kommentare zu " Hillary Clintons Wahlparty: Der Untergang – ohne Kapitänin"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Viele haben für sie gekämpft, aber im Zeichen der Niederlage werden sie allein gelassen.
    Die Tatsache, dass Frau Clinton ihre Anhänger angesichts der Niederlage einfach stehen läßt sagt sehr viel über Ihren Charakter.
    Sie bestätigt damit was ihr viele immer nachgesagt haben ...

  • DA gibt's einen Song von Willie Nelson:
    Turn-off the light, THE PARTY IS OVER ....
    ....an tomorrow starts the same olde shi.. again....!

    oder was sang Zarah Leander, als die Bomben ueber Berlin runtersausten:
    DVON GEHT DIE WELT NICHT UNTER....
    und die Clintons ganz bestimmt nicht....!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%