Neue Ermittlungen in E-Mailaffäre
Clinton in der Defensive

Eineinhalb Wochen vor der Wahl wird die Demokratin von ihrer E-Mail-Affäre eingeholt. Das FBI prüft neue Fundstücke - und macht so den Wahlkampf wieder spannend.

Washington„October surprise” nennen die Amerikaner Ereignisse, die den Wahlkampf in der Schlussphase erschüttern. Selten gab es so viel Hektik wie in diesem Jahr. Erst tauchte das Video auf, in dem der Republikaner Donald Trump mit seinen sexuellen Übergriffen protzt. Dann veröffentliche die Enthüllungsplattform Wikileaks nach und nach zehntausende Dokumente aus dem E-M ail-Fach von John Podesta, dem Wahlkampfchef der Demokratin Hillary Clinton. Und nun am Freitag, elf Tage vor der Wahl, platzt die Meldung, dass die Bundespolizei FBI weitere Emails aus Clintons Zeit als Außenministerin untersucht, in die volatile Mischung aus Anschuldigungen, Drohungen und Schimpftiraden, zu der sich das Rennen um das Weiße Haus entwickelt hat.

Auf drei Absätzen hatte FBI-Direktor James Comey den Kongress über die überraschende Wendung in Clintons Email-Affäre unterrichtet. Die bisher unentdeckten Emails seien bei einer „nicht in Verbindung“ mit Clinton stehenden Ermittlung gefunden worden. Er könne bisher nicht sagen, ob das neue Material relevant sei oder nicht, schrieb Comey weiter. Doch diese Feinheit wurde vom politischen Sensationsgeschrei geschluckt.

Inzwischen ist klar: Ausgerechnet Ermittlungen gegen den Ex-Abgeordneten Anthony Weiner, der für seine Sex-Eskapaden berüchtigt und mit der engen Clinton-Vertrauten Huma Abedin verheiratet ist, hat das FBI auf die neue Spur geführt. Weiner gehörte einst zu den Nachwuchshoffnungen der Demokraten, doch das ist lange her. Er hat mehreren Frauen sexuelle aufgeladene Handyfotos geschickt, zu seinen Kontakten soll auch eine Minderjährige gezählt haben. Darum ermittelt das FBI gegen ihn. Abedin strebt eine Scheidung an.

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Clinton trat in Iowa vor die Presse. Sichtlich aufgewühlt rief sie Comey auf, „unverzüglich alle verfügbaren Informationen“ zu veröffentlichen. Das Land stehe „vor der folgenschwersten Wahlentscheidung“ in der jüngeren Geschichte, die Amerikaner bräuchten klare Antworten. Nach wenigen Minuten verschwand sie wieder.

Das FBI hatte die Email-Ermittlungen gegen Clinton eigentlich im Sommer eingestellt. Comey rügte die Demokratin als „extrem nachlässig“, sah aber keinen Grund für eine Strafverfolgung. Seither werfen die Republikaner dem FBI-Direktor vor, Clinton aus politischen Gründen verschont zu haben. Comey steht unter großem politischen Druck.

Für Donald Trump, der in den meisten Umfragen weit hinter Clinton liegt und nach Ansicht von Experten kaum noch eine Chance auf einen Wahlsieg hat, ist die neue FBI-Meldung ein Hoffnungsstreifen. „Das FBI hat nun endlich den Willen, einen furchtbaren Fehler, den es gemacht hat, zu korrigieren", triumphierte Trump auf einem Wahlkampfevent in New Hampshire.

Trump weiß: Nichts hat Hillary Clinton in den vergangenen Monaten mehr geschadet, als ihre Entscheidung, ihren offiziellen Emailverkehr über einen privaten Server abzuwickeln. Nicht einmal ein Drittel der Amerikaner hält sie für ehrlich. Obwohl Comeys Brief an den Kongress keine Hinweise auf irgendeine Art von Fehlverhalten beinhaltet – allein die Tatsache, dass die Wähler an Clintons sorglosen Umgang mit Geheimdokumenten erinnert werden, zwingt sie in die Defensive.

Moritz Koch ist USA-Korrespondent.
Moritz Koch
Handelsblatt / USA - Korrespondent
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