Paul Ryan
Der Dissident

Paul Ryan ist als Sprecher im Abgeordnetenhaus der ranghöchste Republikaner, ein Star der Partei. Nun wird er zum wichtigsten innerparteilichen Gegner von Trump. Denn Ryan ist im konservativen Spektrum der Gegenentwurf.

WashingtonDer Chef des Abgeordnetenhauses steht vor einem Spalier aus Fahnen und breitet die Arme aus. Klavierakkorde untermalen seine Worte. „Was mich am meisten stört“, sagt Paul Ryan, „ist das Konzept der Identitätspolitik. Dass wir Wahlen gewinnen, indem wir Leute auseinandertreiben.“ Ryan hingegen will „inspirieren“, Einheit stiften. Von einem „selbstbewussten Amerika“ träumt er.

Als der Werbeclip vor ein paar Wochen auf Sendung ging, nährte er Spekulationen, dass Ryan, 46, den Eintritt in den Präsidentschaftswahlkampf vorbereitet. Positioniert sich der „Speaker“ als Konsenskandidat, der auf dem Parteitag die zerstrittenen Republikaner hinter sich vereint? Inzwischen ist klar: Dazu wird es nicht kommen.

Nach seinen Vorwahlsiegen ist Donald Trump unaufhaltbar, die Nominierung ist dem Milliardär nicht mehr zu nehmen. Die Republikaner werden mit einem Kandidaten in den Wahlkampf ziehen, der betreibt, was Ryan bekämpfen will: die Spaltung Amerikas.
Trump, 69, verdankt seinen politischen Aufstieg der Unterscheidung zwischen „uns“ und „denen“, dem geschickten Spiel mit den Ängsten der weißen Arbeiterschicht vor Überfremdung und sozialem Abstieg.

Die Kandidatenfrage hat er so entschieden. Die Machtfrage aber noch nicht. Ryan positioniert sich als Anführer der innerparteilichen Anti-Trump-Fraktion. Der ranghöchste republikanische Amtsträger verweigert dem Spitzenkandidaten seiner Partei die Gefolgschaft – ein beispielloser Vorgang. In einem Interview sagte Ryan, er sei „noch nicht bereit“, sich hinter Trump zu stellen. Am Donnerstag will er Trump treffen.

Im Vorfeld bemühen sich beide, den Richtungsstreit nicht weiter eskalieren zu lassen. Ryan bot am Montag sogar an, von sein Amt als Vorsitzender des Nominierungsparteitags zur Verfügung zu stellen, sofern Trump dies verlange. Dass beide Männer ihre persönlichen und ideologischen Differenzen aber tatsächlich überwinden, ist kaum vorstellbar. Zwischen ihnen liegen Welten.

Ryan hat sich dem Glaubenskanon verschrieben, den Trump verworfen hat. Sozialkonservativ und wirtschaftsliberal; bisher hatten die Republikaner ein klares Profil. Trump interessiert sich weder für konservative Werte, noch glaubt er an die Heilwirkung offener Märkte. Sein Wirtschaftsnationalismus basiert auf Abschottung mit Zöllen und Zäunen. Als Anführer der republikanischen Dissidenten kämpft Ryan für seine Überzeugungen – und um sein politisches Überleben. Er hat sich im Trump-Lager viele Feinde gemacht, schon werden Pläne für seinen Sturz geschmiedet. „Selbstbewusstes Amerika“ ist eine Botschaft für eine andere republikanische Partei. Eine Botschaft für die Zeit nach Trump.

Moritz Koch ist USA-Korrespondent.
Moritz Koch
Handelsblatt / USA - Korrespondent
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