TV-Debatte Clinton – Trump
Erst ganz am Ende ein Funken Würde

Der Wahlkampf in den USA ist beleidigend und verletzend. Doch bei der zweiten TV-Debatte fällt eine der letzten Anstandsregeln: Donald Trump will seine Rivalin hinter Gitter bringen. Wahlkampf als Pausenhof-Keilerei.
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St. LouisEin Wort twittert Hillary Clinton vor der TV-Debatte, nur eines. „Remember“ – erinnert euch. Dazu stellt sie einen Videoclip von Michelle Obama. „When they go low, we go high“, sagt die First Lady darin, was übersetzt so viel heißt wie: Wenn die anderen jeden Anstand vermissen lassen, kontern wir mit Stil. Auf diesen Satz wird Clinton im Laufe des Abends noch zurückkommen.

Kurz vor der zweiten Fernsehdebatte zwischen Clinton und ihrem republikanischen Rivalen Donald Trump ist der Präsidentschaftswahlkampf in eine Schlammschlacht ausgeartet. Um von dem sexistischen Schockvideo abzulenken, machte Trump seine Drohung wahr und veranstaltete eine Pressekonferenz mit Frauen, die nach eigenen Angaben in den 1980er und 1990er Jahren Opfer von sexuellen Übergriffen von Clintons Ehemann Bill geworden sind.

Trump, der Mann, der gerade als Grapscher bloßgestellt wurde, versucht seine Kontrahentin als Komplizin ihres ehebrechenden Mannes zu attackieren. Die Rechtfertigung des Republikaners ist so schlicht wie verstörend. Die Demokraten haben angefangen, lautet sie. Die Debatte über den zukünftigen Kurs Amerikas, der Führungsmacht des Westens, wird auf dem Niveau einer Pausenhof-Keilerei geführt.

Die Wählerschaft verfolgt das Spektakel mit einer Mischung aus morbider Faszination und einem tiefen Unwohlsein. Die Auseinandersetzung hat mit allen politischen Konventionen gebrochen, die noch galten. Für den Restwahlkampf, dreieinhalb quälende Wochen werden es noch sein, gelten die Regeln des Reality-TV.

Die Debatte am Montagabend wird im Townhall-Format geführt, das hört sich gediegen an, bedeutet aber nur, dass das Moderatoren-Duo dem Publikum die meisten Fragen überlässt. Clinton und Trump betreten sie Bühne, sie von rechts, er von links. Sie geben sich nicht die Hand. Der Wahlkampf ist zu persönlich geworden, zu beleidigend, zu verletzend. Für Anstand bleibt kein Platz mehr.

Schon die erste Frage führt zurück zu Trumps vulgären Äußerungen über Frauen. Trump versucht das Unentschuldbare mit „Umkleidekabinen-Geschwätz“ zu entschuldigen und weicht auf Bill Clintons aus. Die Frauen, die dem Ex-Präsidenten sexuelle Belästigung vorwerfen, sitzen im Publikum. Ein Affront, eine in der amerikanischen Wahlkampfgeschichte beispiellose Provokation. Aber Hillary Clinton lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie zitiert Michelle Obama: „When they go low, we go high.“

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Trump jammert und zankt sich

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  • Clinton hat einen schweren taktischen Fehler begangen und die Chance die sich bot, verstreichen lassen.

    Wenn sie die Debatte 1 Stunde vor Beginn abgesagt hätte, mit der Begründung, sie sei nicht bereit, mit Menschen zu diskutieren, die Frauen für ein Stück Fleisch halten, mit denen man als Mann nach Belieben verfahren darf, wäre sie als unumstrittene Kandidatin in die US-Wahl gegangen.

    So, muss sie weiter zittern.

  • Marc Hofmann
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    Dieser Paul Kersey verkörpert aber nicht den Wähler der USA.
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    Das mag sein, Sie aber auch nicht. Aber eines ist sachlich völlig richtig: Die Analyse von Paul Kersey zu Trump.

  • Anmerkung zu meinem Kommentar von 10:29 Uhr:

    Dummheit ist kein Charakterfehler, und sehr viele Menschen, die sich nicht unbedingt durch ihre analytischen Fähigkeiten auszeichnen haben dafür auf anderen, ebenfalls wichtigen Gebieten ihre Vorzüge.

    Mein „Angriff“ bezieht sich also ausschließlich auf die „freiwillig Ignoranten“, die, obwohl sie das - wie die meisten Menschen - durchaus könnten, nicht willens sind, von ihren intellektuellen Begabungen Gebrauch zu machen). Aus welchen Gründen auch immer; gut können sie jedenfalls nicht sein.

    Und, wie bereits gesagt, allen, die genauer wissen wollen, was den Unterschied zwischen Rationalität und „Gefühligkeiten“ ausmacht, sei die Lektüre des beeindruckenden Interviews mit der „Real queen of Silicon Valley“ (CNN) empfohlen, das heute auf den Seiten 22/23 des Handelsblatts abgedruckt ist.

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