Umstrittener Geschäftsmann
Trumps Erbe in Atlantic City

Die Kasinostadt war mal eine Erfolgsgeschichte, jetzt herrschen dort Arbeitslosigkeit und Not. Donald Trump ist mit dem Aufstieg und Fall der Glücksspiel-Metropole eng verbunden – die Konsequenzen trägt er aber nicht.

Atlantic CityDie Tische sind gedeckt, Messer, Gabel und Löffel parallel zueinander arrangiert, auf den Tellern liegen gefaltete Servietten. Das Restaurant des Trump Plaza in Atlantic City sieht an diesem Vormittag aus, als warte es auf Gäste. Doch die Gläser glänzen nicht mehr, sie sind stumpf, die Blumengestecke verdorrt. Über den Spirituosen an der Bar liegt ein Staubfilm und außen fehlen einige der Glühbirnen an kaputten Leuchtreklamen. Hier essen, trinken, spielen schon lange keine Gäste mehr, das Trump Plaza hat vor mehr als zwei Jahren geschlossen.

Präsidentschaftskandidat Donald Trump schafft es, Millionen von Amerikanern damit zu beeindrucken, ein so erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Doch hier in Atlantic City, zwei Autostunden von New York entfernt; in einer Stadt, die das Las Vegas der Ostküste werden sollte, ist das Bild des Businessmanns mit glücklichem Händchen nur schwer zu erkennen.

Investoren gingen in dem Ort seit den Achtziger Jahren eine gewaltige Wette ein, dass dort mit Glücksspiel und Vergnügen viel Geld zu verdienen sei. Auch Donald Trump witterte ein großes Geschäft. Seine Versprechungen lockten viele Menschen an, auf der Suche nach Jobs und Wohlstand. Nach einigen scheinbar guten Jahren ging die Stadt an der Gigantomanie der Hotelbetreiber zugrunde. Viele Kasinos mussten wieder schließen, darunter drei der größten, gebaut und betrieben von Trump. Tausende sind arbeitslos geworden und Handwerker blieben auf fast 70 Millionen Dollar unbezahlter Rechnungen sitzen. Der Traum von Atlantic City ist geplatzt und Trump hat Atlantic City den Rücken gekehrt.

Marvin Garner hat mehr als zehn Jahre in Trumps Kasinos gearbeitet. Erst als Barkeeper, später als Croupier an den Roulette-Tischen. Seit zwei Monaten ist er arbeitslos. Seine Familie hält er jetzt mit Gelegenheitsjobs über Wasser, ohne die Unterstützung seines Bruders und der Eltern würde es aber nicht gehen, sagt er. Dabei fing alles so gut an: „Alle dachten, sie würden hier sichere Jobs finden, eine Menge Geld verdienen. Krankenversicherung und Rente würden uns ruhig schlafen lassen.“

Ein Leitmotiv der Trump-Kampagne ist sein märchenhafter Geschäftserfolg. Was Donald anfasst werde zu Gold, deshalb sei er der richtige Mann für das Präsidentenamt. Unter seiner Führung könne Amerika das erreichen, was er in seinen vielen Unternehmungen auch mache - erfolgreich sein. Als Beispiel dafür führt er gerne die Kasino-Stadt an der Ostküste an. „Atlantic City hat meinen Aufstieg richtig befeuert”, sagte Trump in einem Interview im Mai über Zeit als Unternehmer dort. „Das Geld, das ich dort verdient habe, war unglaublich.“

Sein Lieblingsprojekt war das Trump Taj Mahal. Ein hemmungsloser Protzbau, der außer ein paar Kuppeln nichts gemein hat mit dem Grabmal, das der Großmogul Shah Jahan zum Gedenken an seine verstorbene Frau in Indien errichten ließ. Das achte Weltwunder nannte Trump sein Taj Mahal gerne. Es war einmal das größte und teuerste Kasino der Welt. Glücksspiel und Versuchung auf einer Fläche von 70 000 Quadratmetern - nicht in Las Vegas, nicht Macau, sondern in Atlantic City. Den Menschen dort würde es Wohlstand bringen, die Stadt sanieren, so das Versprechen.

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Für den Angestellten Garner und seine Kollegen waren die Probleme zu Beginn noch nicht zu spüren, erzählt er. Im Gegenteil, alles fühlte sich nach einem Aufbruch in eine tolle Zukunft an. Trump wurde rasch zum größten Arbeitgeber der Stadt, viele zogen extra für Jobs in den Kasinos nach Atlantic City, wollten dort eine Existenz aufbauen.

Für eine Weile ging das mehr oder minder gut. Inzwischen aber ist das „Taj“, wie die Bewohner es nennen, ein Fanal des Scheiterns – des Scheiterns Trumps und der Stadt Atlantic City. Das Kasino-Imperium und das Wohlstandsversprechen haben sich als Bluff herausgestellt und die Stadt ist faktisch bankrott. Die Schuldenlast von mehr als 240 Millionen Dollar erdrückt sie, die städtischen Dienste wurden zeitweise eingestellt. Der Bürgermeister sagt, die Schließung des Trump Taj Mahal treffe die Stadt schwerer als Hurricane Sandy, der 2012 für schwerste Verwüstungen sorgte.

Geht man den Boardwalk entlang, die hölzerne Strandpromenade, an der alle großen Kasinos aufgereiht sind, zeigt sich ein groteskes Abbild einer einst glanzvollen Stadt. Heruntergelassene Rollläden, leerstehende Geschäfte, Obdachlose schlafen auf Bänken. Über allem thronen die Hochhäuser, bis zu 200 Meter ragen sie in den Himmel. Eines der größten: das Trump Plaza Hotel. Es ist geschlossen, das Salz in der Meeresluft hat die Fenster stumpf gemacht. Blickt man hindurch, sieht man das Restaurant, das scheinbar von einem Tag auf den anderen verlassen wurde. Die Weine und Whiskys stehen noch sorgfältig sortiert in der Bar, alles scheint für den Abend gerichtet. Spinnweben an den Kronleuchtern und Staub auf den Weingläsern verraten, dass hier seit zwei Jahren die Zeit still steht. Außen erinnern nur noch die Umrisse einer abgerissenen Leuchtreklame an den Namensgeber.

Einige hundert Meter weiter befindet sich das Trump Taj Mahal. An der Fassade prangt noch übergroß der Name des Präsidentschaftskandidaten, er leuchtet aber nicht mehr. Ebenfalls in Sichtweite stand das Trump Marina, ein Hotel und Kasino, das lange erfolglos blieb und schließlich vor fünf Jahren verkauft wurde.

Levi Fox kennt Atlantic City wie kaum ein anderer. Als Professor für Geschichte an der Stockton University in Jersey und der Temple University in Philadelphia erforscht er den Aufstieg und Niedergang der Glücksspielstadt, bietet Touren für Touristen an. Eine davon: die „Trump gambling heritage tour“, die sich mit dem besonderen Verhältnis des Präsidentschaftskandidaten zur Stadt beschäftigt. „Ich möchte aber hier keinen Wahlkampf machen“, sagt Fox. „Aber das ist lokale Geschichte zum Anfassen. Und es geht um den möglichen nächsten Präsidenten.“ Auf einem Spaziergang durch die Stadt erklärt er, dass die Probleme des Taj Mahal schon viel früher begannen, nämlich unmittelbar, nachdem Trump 1988 den Zuschlag von der Glücksspielkommission erhalten hatte.

Er kaufte damals den halbfertigen Bau für 230 Millionen Dollar dem TV-Unternehmer Merv Griffin ab. Die gesamten Kosten, um das Projekt fertigzustellen, beliefen sich auf etwa eine Milliarde Dollar. Aus eigenen Mitteln konnte Trump das Projekt nicht stemmen und die Banken verweigerten ihm die Finanzierung. Die Lösung: Trump gab 700 Millionen Dollar an Junk Bonds aus - Ramschanleihen zu 14 Prozent Zins. Das bedeutete, dass er fast 100 Millionen jährlich an Zinszahlungen hätte leisten müssen. Auch eine Geldspritze von seinem Vater konnte nur kurz für Entspannung sorgen. Donald hatte sich übernommen. Schon ein Jahr nach Eröffnung musste das Taj erstmals Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragen, die amerikanische Form des geordneten Insolvenzverfahrens.

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„Wir stehen vor dem Nichts“

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