US-Wahl mit Bernie Sanders
Und er gibt einfach nicht auf

Am 7. Juni erwartet er ein Wunder: Dann will Demokrat Bernie Sanders die Vorwahlen in Kalifornien gewinnen – und seine ärgste Konkurrentin Hillary Clinton besiegen. Die Generalprobe findet in Oakland statt. Ein Besuch.
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OaklandDer Schocker kommt wenige Minuten, nachdem Bernie Sanders um kurz vor 18.30 Uhr das Wort ergriffen hatte. Vier Personen springen plötzlich über die Gitterabsperrungen und rennen auf den demokratischen Präsidentschaftsanwärter zu. Zwei Agenten vom Secret Service schirmen den Senator aus Vermont mit ihren Körpern ab, andere überwältigen die Eindringlinge und führen sie nach einem kurzen Handgemenge in Handschellen ab. Die rund 25.000 Anhänger auf dem Frank H. Ogawa-Platz im Herzen von Oakland erstarren einen Moment.

Dann skandieren sie wie aus Trotz nur umso lauter „Bernie, Bernie, Bernie“. Der 74-jährige Sanders sammelt sich eine Sekunde und setzt unbeirrt seine Angriffe auf die Wall Street, auf Donald Trump, Vermögens- und Einkommensungleichheit und ein ungerechtes Gesundheitssystem fort. Er geißelt ein Bildungssystem, das nur die Wohlhabenden bevorzuge, und seine Gegnerin Hillary Clinton, die den Weg der Großspender gewählt habe.

Für Hillary gebe es gleich mehrere mit Millionen von Dollar aufgeladene „Super-Pacs“. Fonds, die TV-, Zeitungs- und Internet-Kampagnen finanzieren. Er dagegen habe als einziger Kandidat keine dieser höchst umstrittenen Wahlkampf-Finanzierungsmaschinen mit anonymem Geld. Er habe „acht Millionen Einzelspenden“ ruft er und fragt in die Runde: „Wie hoch war noch die Durchschnittssumme?“ Und wie aus einer Kehle brüllen tausende Fans zurück: „Siebenundzwanzig Dollar.“

Es ist Memorial Day, einer der höchsten nationalen Feiertage in den USA. Die Nation gedenkt ihren Gefallenen aus den Kriegen und ihren Veteranen, vor allem aber wird gefeiert und gegrillt. 200 Millionen Hotdogs werden an diesem Tag verspeist, rechnet der Branchenverband vor. Trotzdem haben sich Tausende Menschen an diesem heißen Fast-Sommertag aufgemacht, um stundenlang auszuharren, um Bernie zu sehen. Mehr als eine Stunde dauerte das Anstehen in der Schlange, die sich vor den Sicherheitssperren gebildet hatte. Manche Fans haben schon drei Stunden vor der Öffnung der Sperren ausgeharrt, um ganz vorne sein zu können.

Bernie Sanders und auch Hillary Clinton setzen alles auf Kalifornien. 475 demokratische Delegierte werden am 7. Juni verteilt – mehr als in jedem anderen Bundesstaat der USA. Kalifornien markiert das Ende dieses Vorwahlkampfes für die Demokraten. Hillary Clinton führt die Stimmenliste derzeit souverän an, doch das hauptsächlich durch „Superdelegierte“, die ihre Stimmen unabhängig von Parteien verteilen können. Zählt man nur die verpflichteten Delegierten, die gemäß dem Wählerwillen der Parteimitglieder abstimmen müssen, schrumpft der Vorsprung gewaltig – auf derzeit 1.769 zu 1.499.

Ein Sieg mit großem Vorsprung in Kalifornien, dem „progressivsten Staat“ in den USA, wie Sanders unter Jubel betont, kann für ihn noch die Rettung bedeuten. „Wenn wir viele Parteimitglieder aktivieren“, ruft er, „werden wir hoch gewinnen.“ Und dann, so seine Hoffnung, werden die 541 Superdelegierten, die derzeit für Clinton stimmen, noch einmal ins Grübeln kommen, ob sie wirklich die Richtige ist. Die frühere Außenministerin führt immer noch die Umfragen unter allen Wählern - Republikaner, Demokraten und Unabhängige - an.

Doch erstmals ist Clinton laut einer Umfrage von „Washington Post“ und „NBC“ in der vergangenen Woche in der gesamten Wählerschaft unter eine Zustimmungsquote von 50 Prozent gerutscht und nur knapp gleichauf mit dem Republikaner Donald Trump. Noch bedenklicher für die frühere First Lady und ihren Ehemann und Ex-Präsidenten Bill Clinton: Die Umfragen zeigen: Wenn es darum geht, wer Trump schlagen könnte, dann sind die Chancen für Sanders höher als für Clinton.

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Die Afro-Amerikaner gehören Hillary Clinton

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  • Warum sollte er auch? Der Artikel zeigt es doch sehr schön, dass er alle Möglichkeiten in der Hand hat die amerikanische Politik maßgeblich zu beeinflussen.

    Ich glaube sowieso, dass wenn Clinton nicht die Sanders-Wähler inhaltlich einbindet, dass sie dann gegen Trump verlieren wird. Und wenn Sanders tatsächlich beim Parteivolk noch gewinnen sollte...

    Die Wall-Street will das natürlich nicht, daher die permanente Aufforderung ein offenes Rennen aufzugeben?

  • Besser kann es für Trump doch gar nicht laufen. Sanders schwächt weiterhin Clinton und Trump attakiert Clinton frontal.
    Trump kann somit weiterhin die Zeit nutzen um seine Stellung auszubauen und zu festigen. Damit ist Trump für den heißen Wahlkampf gut gerüstet.

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