US-Wahlen
Hetze im Wahlkampf

Markig und mitunter leicht bizarr, aber vorhersehbar war der Wahlkampf bislang. Doch nun wird es hässlich. Offen wird gegen Muslime gehetzt und sich rassistischer Vorurteile bedient. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

WashingtonIn diesen Wochen gerät in den USA etwas ins Rutschen. Ein breiter werdender Strom aus Unwahrheiten und Ressentiments sickert vom Wahlkampf ins Land. Land der Einwanderer, „Land der Freien“: Womöglich verändert sich da etwas auf Dauer. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur veränderten Stimmung im Überblick:

Woher kommt diese Stimmung?
In Zeiten besonderer Bedrohung, ob gefühlt oder tatsächlich, gedeihen Vorurteile und Ängste. In den USA sind viele verunsichert über Rolle, Kurs und Zukunft ihres Landes. Seit dem 11. September 2001 durchzieht eine so tiefe wie diffuse Terrorangst das Land. Anlässe wie die soeben ausgesprochene globale Reisewarnung für US-Bürger nähren diese Furcht immer aufs Neue, erst recht nach den Anschlägen von Paris.

Wie wirkt sich das aus?
Mehr und mehr auch im Alltag. Szene eins: eine Autopanne in Maryland. Ein Mann will helfen, stellt sich als „Ali“ vor. Die Fahrerin stößt ihn zurück: „Von Leuten wie Euch will ich keine Hilfe!“ Szene zwei, das islamische Zentrum in Fredericksburg (Virginia): Ein kleiner Backsteinbau, er soll nach vielen Jahren um ein paar Meter erweitert werden. Gellende Schreie: „Niemand, niemand, niemand will Euren üblen Kult hier! Ich werde alles tun, um das zu verhindern, Ihr seid alle Terroristen!“ Über beide Szenen berichtete die „Washington Post“. Soweit ist es gekommen, dass ausgerechnet die knallharte Behörde Homeland Security ein (sehr gut gemachtes) Video schaltet, das sowohl den rigorosen Überprüfungsprozess für syrische Flüchtlinge beschreibt als auch für Verständnis für Flucht und Migration wirbt.

Was genau behauptet Donald Trump?
Mit der Wahrheit hat Trump es im Wahlkampf nie so genau genommen, jetzt verschärft er Ton und Gehalt extrem. Beispiele: Nach den Anschlägen des 11. September 2001 habe es Freudenfeste von Muslimen in New Jersey gegeben. Muslime in den USA müssten registriert werden, Moscheen überwacht. Laut einer Kriminalitätsstatistik seien 81 Prozent der Todesopfer Weiße, die von Schwarzen erschossen wurden. 200.000 Syrer wolle Barack Obama ins Land lassen, vielleicht sogar 250.000.

Stimmen diese Behauptungen?
Nein. Überhaupt nicht. Das lässt sich an folgendem festmachen:
- Es gab keine Freudenfeste in New Jersey.
- Die Registrierung einer Bevölkerungsgruppe wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit erinnert viele an die Zeit des Nationalsozialismus.
- Die Verfassung verbietet die Einschränkung freier Religionsausübung (erster Verfassungszusatz).
- Zur Statistik: Es sind 15 Prozent, nicht 81. Die Quelle, die Trump eilfertig retweetete, existiert nicht.
- Zahl der syrischen Flüchtlinge: 10.000. Die Zahl 200.000 umfasst die Gesamtzahl aller Flüchtlinge über zwei Jahre.

Kommt Trump damit durch, und wenn ja, warum?
Als populärer Kandidat hat Trump zwangsläufig viel Sendezeit. Es ist extrem schwer, ihn in Live-Interviews zu widerlegen. Trotz kritischer Fragen behauptet er immer weiter das Gleiche. Auf die wahren Fakten hingewiesen, putzt er Moderatoren live herunter: „Klar, dass Ihnen nicht gefällt, was ich sage, das ist natürlich politisch nicht korrekt, deswegen unterdrückt Ihr Medien ja die Wahrheit.“ Das Beschimpfen sogenannter Mainstreammedien verfängt bei vielen. Erste Medien bezweifeln nun den Sinn von Trump-Liveschalten: Weil es unmöglich sei, Verschwörungstheoretiker, Verleumder und Verdreher zu widerlegen. Allerdings ist das ein Kernanliegen von Journalismus.

Wie reagieren die anderen Kandidaten?
Sehr verhalten. Wesentlicher Teil des Problems. Kaum jemand traut sich, kruden Thesen oder offensichtlichem Unfug entgegenzutreten, in Trumps mächtig orchestrierten Furor zu geraten, sich einem Shitstorm von interessierter Seite zu stellen. Und so kochen sie fast alle ihr Süppchen auf Trumps Feuer. Jeb Bush schlug vor, nur Christen aus Syrien ins Land zu lassen. Alle anderen nicht. Der so sanfte Ben Carson stößt in Sachen angeblicher muslimischer Freudenfeste ins gleiche Horn wie Trump. Ted Cruz versucht, noch etwas härter zu sein als Trump.

Und die Demokraten?
Für sie ist das ein echtes Problem. Schweigen heißt: Es gibt keine Aufmerksamkeit und keine Sendezeit. Reagieren heißt: Sie lenken mehr Beachtung auf die Thesen des Gegners, werten ihn auf. Es scheint, als müssten diejenigen Republikaner dieses Problem selber lösen, die es lösen wollen. Vielleicht hat ein alter Fahrensmann der „Voice of America“ recht, der im Gespräch sagt: „Diese Phase des Wahlkampfs ist traditionell die Stunde der Narren und der Wilden. Das normalisiert sich wieder. Wahlen werden in der Mitte gewonnen. Wenn es sie noch gibt.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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