USA beginnen neue Beziehung mit Kuba: „Grüß mir Obama, wenn Du ihn siehst“

USA beginnen neue Beziehung mit Kuba
„Grüß mir Obama, wenn Du ihn siehst“

Trotz der Revolution im Herzen haben sie mehr als nur ein Lächeln für Obama: Die Kubaner freuen sich über den Besuch des US-Präsidenten in ihrem Land– und sie verbinden viele Hoffnungen mit der neuen Beziehung.

HavannaWenn Doris Contreras noch könnte, wäre sie in diesen Tagen auf die Straße gegangen. Sie hätte sich auf eine der frisch asphaltierten Straßen Havannas gestellt und gewartet, bis der Präsident der USA, dem einstigen Erzfeind, in seinem Konvoi vorbei fährt und ihm vorsichtig zugewunken. Nicht zu viel, Doris ist schließlich überzeugt von der Revolution. Aber doch so, dass darin die Anerkennung zum Ausdruck kommt, die sie für diesen Staatschef empfindet. „Barack Obama hat endlich gemacht, was schon lange überfällig war“, sagt sie.

Aber Doris Camacho kann Obama dieser Tage, denen so oft das Attribut historisch angeheftet wurde, nur aus dem Bett verfolgen. Frau Camacho wurde 1933 geboren, die Beine wollen nicht mehr so richtig: „Ich bin ein Kind des Kapitalismus“, sagt sie und lacht aus ihrem zahnlosen Mund. „Aber ich habe der Revolution alles zu verdanken“. Die schicke Wohnung in Havannas großbürgerlichem Stadtteil Vedado zum Beispiel. Ein 300 Quadratmeter Appartement, das vor der Revolution einem Minister der Regierung von Diktator Fulgencio Batista gehörte. Als der später vor den bärtigen Umstürzlern floh, übertrug die Regierung die Wohnung dem Mann von Doris. Der war Arzt am nahen Krankenhaus und stellte sich nach dem 1. Januar 1959 in den Dienst der neuen Regierung. Zum Dank gab es die Wohnung.

„Meine Töchter haben gratis studieren können, wir haben gute Bildung und eine kostenlose Gesundheitsversorgung“, lobt Doris die Errungenschaften ihres Landes. Vor der Revolution war die Familie arm, jetzt kämpft sie zwar auch mit den Widrigkeiten des kubanischen Alltags. „Aber es ist alles besser als das, was wir früher hatten“.


Contreras erinnert sich noch daran, dass es zu Zeiten Batistas fast täglich Schießereien gab. Die Mafia hatte das Spieler- und Vergnügungsparadies Havanna im Griff. Dazu die Schergen des Diktators. Es war eine komische Stimmung damals in den 1950-er-Jahren in Havanna. Ein bisschen Al Capone und ein bisschen Bürgerkrieg. „Und zu alldem kamen dann noch abends die Flugzeuge aus Miami und brachten die Menschen, die sich eine Show im Ballett Tropicana ansahen und danach wieder nach Hause flogen“, erinnert sich Doris.

Sie hat nichts gegen die Nachbarn auf der anderen Seite der Meeresenge. Sie hat sogar einen Bruder in den USA, hat das Land als junges Mädchen öfters besucht. „Aber diese Politik, dieser Hass, diese Isolation, das Embargo“. „Das war eine Schweinerei“. Dennoch hat sie den Hass auf die USA nie geteilt, den viele ihrer Landsleute mit der sprichwörtlichen Muttermilch aufgesogen haben. „Die Präsidenten waren gegen uns, aber die Menschen waren eigentlich ganz ok“.

Und so sitzt diese alte Dame mit dem großen Herz in diesen Tagen der Obamania in Kuba vor ihrem alten Röhren-Fernseher und sieht, wie viele ihrer Landsleute in zu T-Shirts umgearbeiteten US-Flaggen am Straßenrand stehen und warten, dass der Tross des Präsidenten vorbei kommt. Manche weinen vor Freude oder Rührung, wenn sie ihn sehen, andere winken, wie es auch Doris getan hätte. Aber andere schreien auch: „Viva Cubá“ und „Raúl, Raúl“.

In einer hatte Obama, der von seiner Frau und den beiden Töchtern begleitet wurde, zuvor betont, er sei hier, um „die Überbleibsel des Kalten Krieges“ zu beerdigen. In Anspielung an seinen Slogan „Yes, we can“ sagte er auf spanisch: „Sí se puede“. Er appellierte an den von den Republikanern dominierten US-Kongress, das in den 1960er Jahren gegen das sozialistische Kuba verhängte Handelsembargo ganz aufzuheben, es wurde bisher nur gelockert.

Und die Mehrzahl der Kubaner, mit denen man in diesen Tagen auf der Insel redet, empfindet den Besuch des sympathischen US-Amerikaners auch als sehr positiv – während in den USA der Staatsbesuch nach den Anschlägen in Brüssel kaum noch Beachtung findet. Selbst der kubanische Offizier der Grenzpolizei bei der Einreise am Flughafen raunt bei der Passkontrolle: „Hoffentlich bringt er positive Veränderungen, der Besuch“.

Fast 60 Jahre Frontstellung, elf Präsidenten im Weißen Haus, zahlreiche Attentate und Destabilisierungsversuche später versucht es der frühere Erzfeind mit Wandel durch Annäherung. Wenn es nach Obama geht, sollen die Wirtschaft, das Internet, der intensivere Austausch durch Stipendien die Veränderungen bringen, die Jahrzehnte Isolation nicht gebracht haben.

Doris Contreras findet das toll. Schließlich will sie das Beste aus beiden Systemen. Sie verteufelt den Kapitalismus nicht, sie kennt ihn ja. Aber besser ging es ihr im Sozialismus. Auch wenn sie anerkennt, dass es viele Dinge gibt, die in ihrem Land besser laufen könnten: „Einige Probleme haben wir uns selber eingebrockt und sind nicht Schuld des Bloqueo“, sagt sie. Aber Obama und Castro würden das schon richten, ist sie sicher.

Dann sagt Doris, sie müsse jetzt schlafen. Schließlich wolle sie am nächsten Tag frisch die Rede des US-Präsidenten im Gran Teatro von Havanna verfolgen. Also geht der Reporter – und Doris ruft ihm noch einen Satz nach: „Wenn Du Obama siehst, grüß ihn von mir“.

Mit Material von dpa

Klaus Ehringfeld
Klaus Ehringfeld
Handelsblatt / Korrespondent
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