USA-Bild der Europäer: Die gefährliche Nation

USA-Bild der Europäer
Die gefährliche Nation

Die Europäer irren, wenn sie den USA unter George W. Bush eine ungewöhnlich expansive Außenpolitik nachsagen: Missionarische Züge hatte sie von Anfang an. Wer anderes denkt, ist einem Mythos aufgesessen, den die Amerikaner selber pflegen. Wenn Bush abtritt, wird vieles beim Alten bleiben.

DÜSSELDORF. Die meisten Europäer verstehen die amerikanische Außenpolitik nicht. Sie tun so, als sei Amerika unter George W. Bush sich selber untreu geworden, und hoffen, dass es nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit wieder die großartige Nation wird, die sie so bewundern: die USA, die den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg gewonnen haben. Dieser großzügige, nachdenkliche, friedfertige Verbündete, der an Multilateralismus glaubte. „Ihr wart so ein schönes Land, was ist bloß mit euch geschehen?“ lautet die unausgesprochene Frage.

Die Europäer beweisen damit, dass sie den wundervollen Mythos aufgesogen haben, den die Amerikaner von sich selber pflegen. Leider muss ich den Glauben daran zerstören.

Die außenpolitische Debatte in den USA ist ein ständiger Kampf. Fälschlicherweise wird der oft als Auseinandersetzung zwischen den Realisten, die Realpolitik betreiben, und den Idealisten, die sich einer Mission verpflichtet fühlen, gesehen. Es geht eher um den Streit zwischen einer weitgehenden Vorstellung von Amerikas Rolle in der Welt und einer begrenzteren Vision.

Schon 1787 gab es die Sorge, die USA hätten imperiale Gelüste

Exakt diese Auseinandersetzung findet man schon in der Diskussion über die Annahme der amerikanischen Verfassung. In einer berühmten Rede hat Patrick Henry die Architekten der föderalen Verfassung kritisiert: „Diese Leute wollen, dass wir ein mächtiges Empire werden“, sagte er mit Bezug auf George Washington, James Madison, Thomas Jefferson und Alexander Hamilton, all die Leute, die wir als Gründungsväter verehren, „ein Reich mit einer Flotte und Armee und derartigen Dingen“, kritisierte Henry. Als die Nation noch jung gewesen sei – sagte er 1787! –, sei dagegen die Freiheit ihr wichtigstes Anliegen gewesen.

Schon 1787 gab es also die Sorge, die USA bewegten sich weg von ihrem Gründungsideal und hätten imperiale Gelüste. Die Idee, wir könnten eine übermächtige Nation werden, kam nun wirklich nicht erst mit der Wahl von George W. Bush in die Welt.

Mir geht es um die Essenz der amerikanischen Außenpolitik. Mit dem Ende des Kalten Krieges mussten Amerikaner und Europäer feststellen, dass die von uns angenommene Identität von Kultur, von Werten und strategischer Vision eine Illusion war. Wir sind alle kapitalistische Demokratien, und dennoch unterscheidet uns mehr, als wir während des Kalten Krieges angenommen haben.

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