USA
Der Super-Machtrutsch

Die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten proklamieren pausenlos die Größe und Stärke der USA. Tatsächlich büßt das Land politische und wirtschaftliche Macht ein, während Länder wie China oder Russland an Gewicht und Souveränität zulegen. Die Präsidentschaftsanwärter vermeiden es aber bisher dieses Thema im Wahlkampf anzusprechen. Ein Essay.

WASHINGTON. Die Beschwörung der Größe und Einzigartigkeit der USA ist eine Standardformel in nahezu allen Reden amerikanischer Wahlkämpfer. Wer gegen diese Regel verstößt, wie etwa vor kurzem Michelle Obama, die Frau des demokratischen Kandidaten Barack Obama, der sieht sich harter Kritik ausgesetzt.

Sie hatte auf einer Veranstaltung gesagt, zum ersten Mal sei sie stolz auf ihr Land, denn es sehe so aus, als gebe es endlich ein „Comeback der Hoffnung“. Frau Obama musste sich daraufhin die Frage vorhalten lassen, ob es in den USA in den vergangenen Jahrzehnten nichts gegeben habe, worauf sie stolz sein könne, etwa die Mondlandung oder die Bürgerrechtsbewegung.

Als Mike Gravel, Ex-Senator aus Alaska und Bewerber um die demokratische Nominierung, in einer frühen Phase des Wahlkampfes fragte, ob die amerikanischen gefallenen Soldaten in Vietnam und Irak einen sinnvollen Tod gestorben seien, brach ebenfalls eine Welle der Kritik los.

Und als die demokratische Graswurzelbewegung MoveOn.org im vergangenen Jahr anlässlich einer Anhörung des US-Generals David Petraeus im Kongress in ganzseitigen Zeitungsanzeigen das Wortspiel „David Betray Us“ wagte, David betrüge uns, mussten sich selbst demokratische Kongressabgeordnete von der Kampagne distanzieren, die damit gar nichts zu tun hatten.

Michelle Obama, Mike Gravel und MoveOn hatten auf unterschiedliche Weise gegen das ungeschriebene Gesetz verstoßen, das eigene Land nie öffentlich infrage zu stellen. Auf diesen Grundkonsens hat sich nicht nur die politische Elite der USA schon lange verständigt. Er wird bereits im Schulalter eingeimpft: Kritik an den USA darf stets nur höchst vorsichtig und in winzigen Dosen verabreicht werden. Das höchste Gut ist das Lob, und lediglich aus dessen nuancierten Abstufungen lassen sich Differenzierungen ableiten.

Dieser Umgang mit Kritik hat Folgen. Wenn die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten ohne Unterlass die Größe der USA, ihrer hart arbeitenden Bevölkerung und die grenzenlose Freiheit preisen, kommt der Diskurs über Probleme und Unzulänglichkeiten zwangsläufig zu kurz. So angenehm es sein mag, stets nur über positiven Anreiz angesprochen zu werden, so wenig förderlich ist dies für eine breite Debatte.

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