USA drängeln
EU soll Libor kräftig umkrempeln

So wie es ist, kann das Libor-System nicht bleiben. Daher fordern die USA von der EU eine umfassende Reform. Eine unabhängige Ermittlung sei notwendig. EU-Kommissar Barnier ist dem prinzipiell nicht abgeneigt.
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BrüsselNach der Manipulation des Interbanken-Zinssatzes drängen die USA die Europäische Union zu einer umfassenden Reform des Libor-Systems. Der Zinssatz müsse anders festgestellt und möglichst von einer unabhängigen Institution ermittelt werden, forderte der Chef der US-Terminmarkt-Aufsicht, Gary Gensler, am Montag in einer Anhörung vor dem Europäischen Parlament, an der er per Videoübertragung teilnahm. "Es ist Zeit für einen neuen oder einen veränderten Maßstab - eine vernünftige Kennzahl, die auf tatsächlichen, beobachtbaren Markttransaktionen basiert, und für eine unabhängige Einrichtung, die diese Daten sammelt."

Für die Banken forderte Gensler eine strikte Trennung des Handelsgeschäfts von den Bereichen, die mit ihren Markteinschätzungen zur bisherigen Festlegung des Zinses beitragen. Es seien Brandmauern nötig, um einen Einfluss der an bestimmten Zinssätzen interessierten Mitarbeiter auf den Libor zu verhindern, betonte er. "Barclays hat Handelsräume in London, Tokio und New York. Und sie haben alle versucht, diejenigen zu beeinflussen, die die Daten (zur Festlegung des Libor) weitergereicht haben."

Der Zinssatz, auf dem Finanztransaktionen im Volumen von geschätzt 500 Billionen Euro beruhen, wird bisher aus den Angaben von knapp zwei Dutzend Banken ermittelt, die nach ihren Markteinschätzungen und -beobachtungen gefragt werden. Genslers Behörde hat allein die britische Großbank Barclays mit 200 Millionen Euro für die Manipulationen bestraft.

Der bei der EU-Kommission für die Finanzmärkte zuständige Michel Barnier signalisierte Unterstützung für Genslers Forderung nach einer unabhängigen Ermittlung. Ein solcher Schritt sei möglich, sagte der Franzose bei der Anhörung. "Das einzige, was nicht möglich ist, ist eine Selbstregulierung (der Branche) oder der Status Quo." Barnier hat bereits einen Vorschlag vorgelegt, nach dem die Manipulation von Indizes wie dem Libor bestraft werden soll. Doch diese Regeln werden nicht vor 2015 in Kraft treten. "Wir wollen weitergehen als der Vorschlag der Kommission", sagte der grüne Europa-Abgeordnete Sven Giegold. "Wir wollen herausfinden, wie sie sicherstellen wollen, dass die Strafen ausreichend abschreckend wirken."

Großbritannien arbeitet seinerseits an Änderungen des Libor-Systems. Die Finanzmarktaufsicht will ihre Reformvorschläge am Freitag vorstellen. Große Investoren sehen aber kaum eine echte Alternative zum Libor. In einer Umfrage des Reuters-Informationsdienstes IFR gaben sechs von zwölf befragten Großanlegern aus der Industrie an, dass sie den Zinssatz nicht für einen zutreffenden Maßstab halten, nach dem sie sich richten könnten. Zehn von zwölf aber erwägten nicht, auf einen anderen Index umzusteigen. "Der Libor war über viele Jahre ein nützlicher Maßstab - und jeder andere Indikator könnte auf die eine oder andere Weise auch manipuliert werden", sagte einer der Befragten. Viele wollten sich wegen der Sensibilität des Themas gar nicht äußern.

Der Libor wird bislang nicht direkt von den Aufsichten kontrolliert, sondern vom britischen Bankenverband BBA. ThomsonReuters, zu der die Nachrichtenagentur Reuters gehört, berechnet und verbreitet die Zinssätze für die BBA seit 2005.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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