USA
Gegen den Trend: Cincinnati leuchtet

Der Nordosten Amerikas kämpft gegen den wirtschaftlichen Niedergang. In vielen Städten bauen Unternehmen seit Jahren Stellen ab, verlagern die Produktion nach Asien oder melden Insolvenz an. Wie eine Metropole in der Region ein Jobwunder vollbracht hat.

CINCINNATI. Von Harvard hat er geträumt und von Yale, den großen Forschungsuniversitäten an der amerikanischen Ostküste. Doch dann erhält der Berliner Biologe Paul Pfluger ein Angebot der University of Cincinnati.

Cincinnati? 350 000 Einwohner, im Bundesstaat Ohio gelegen, Hauptattraktion ein Oktoberfest. „Keine Stadt, in der man viel erleben kann“, denkt sich Pfluger. Dennoch nimmt er die Stelle an, denn die Universität hat einen guten Ruf in seiner Branche. Zwei Jahre will er in Cincinnati bleiben.

Aus zwei Jahren sind fünf Jahre geworden. Seit 2004 arbeitet der Berliner am Genome Research Institute, einem Klinkerbau mit Kirschbäumen vor der Tür. Hier experimentiert der 35-Jährige, dessen Spezialgebiet die Erforschung der Fettsucht ist, mit Ratten und Mäusen. Pfluger schwärmt über die Arbeitsbedingungen, die Labors und die Kooperation mit den Kollegen: „Man ist hier nicht nur eine Nummer.“

Paul Pfluger ist einer von vielen Wissenschaftlern, die es in den vergangenen Jahren nach Cincinnati zog. Die Stadt hat sich zu einem Zentrum für Medizin- und Biotechnik entwickelt. Tausende Jobs sind hier entstanden – ein Vorzeigebeispiel für gelungenen Strukturwandel.

In vielen US-Städten bauen Unternehmen seit Jahren Stellen ab, verlagern die Produktion nach Asien oder melden Insolvenz an. Gegen den Niedergang kämpfen vor allem Bundesstaaten, die wie Ohio im Nordosten des Landes liegen, im „Rust Belt“, wie die industrielastige Region genannt wird. Dazu gehört auch Michigan mit seiner sterbenden Autoindustrie. Eine Abwärtsspirale kommt in Gang, sobald Fabriken schließen: Menschen ziehen weg, Stadtviertel veröden, es fehlt an Kaufkraft und qualifizierten Arbeitskräften, die neue Firmen anziehen. Nur selten gehen der Abschied vom Alten und der Einzug von Neuem Hand in Hand. Cincinnati ist eine große Ausnahme.

Zwischen 1999 und 2008 verlor die Region jeden fünften Industriearbeitsplatz. Insgesamt verschwanden 30 000 Jobs, viele davon in der Autoindustrie. Doch parallel dazu wuchs die Bio- und Gesundheitsbranche. Mehr als 200 Unternehmen und Organisationen haben sich im Raum Cincinnati angesiedelt und dazu beigetragen, dass sich Ohio im nationalen Vergleich der Biotech-Standorte Platz vier erkämpfte. Nach Schätzungen des Fachverbands BioOhio haben die neuen Unternehmen in der Region Cincinnati 23000 Arbeitsplätze geschaffen.

Die neue Wachstumsbranche entwickelte sich zunächst eher zufällig. So hat der Mischkonzern Procter&Gamble, der im großen Stil Pharma- und Bioforschung betreibt, seinen Hauptsitz in Cincinnati. Er gründete immer mal wieder Teilbereiche in Tochterunternehmen aus.

Die University of Cincinnati und eine große Kinderklinik haben sich über Jahre hinweg mit Genforschung beschäftigt. Und es gab ein paar Mittelständler, die klein angefangen und über die Jahre eine beachtliche Größe erreicht haben – etwa die Firma Meridian, die Test-Kits für Krankheitserreger herstellt: 1977 als Ein-Mann-Firma mit einem Startkapital von 500 Dollar gegründet, ist das Unternehmen heute börsennotiert, beschäftigt 400 Mitarbeiter und macht 150 Millionen Dollar Umsatz.

Mit der Zeit ist in Cincinnati eine Szene entstanden, die ihre eigene Dynamik entfaltete und Leute wie Timothy Schroeder anzog. Schroeder ist ein gestandener Unternehmer, ein zupackender Typ mit buschigen Augenbrauen und sonorer Stimme. Ursprünglich Immunologe, gründete er in San Francisco ein Unternehmen und brachte es an die Börse. Vor einigen Jahren hob er erneut eine Firma aus der Taufe – dieses Mal in Cincinnati. CTI heißt das Unternehmen, das Medikamente für die Transplantationsmedizin entwickelt und 150 Mitarbeiter hat.

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