USA können Truppenstärke nicht mehr lange aufrechterhalten
Kosten für Irak-Einsatz wachsen Bush über den Kopf

Die Kosten des Krieges sind mit bloßem Auge kaum mehr auszumachen – so schnell rasen sie auf der digitalen Anzeige davon. 72 134 938 367 Dollar stand da eben noch. Einen Wimpernschlag später sind es jedoch schon mehr als 72,135 Mrd. $. Soviel haben Krieg und Besatzung im Irak die USA bereits gekostet. Das haben zumindest die Kriegsgegner Elias Vlanton und Niko Matsakis ausgerechnet. Sie stützen sich auf offizielle Quellen und haben ihre Recherchen für alle Welt sichtbar ins Internet gestellt.

NEW YORK. Bislang ist die digitale Kriegsrechnung im Netz noch ein Geheimtipp. Sollten die Kosten im Irak jedoch im bisherigen Tempo weiter wachsen, könnte die Anzeigentafel bald jenen zweifelhaften Ruhm erreichen, den die legendäre Schuldenuhr am Times Square in den 90er Jahren innehatte. Zumal selbst offizielle Stellen ihre Schätzungen für die Kosten im Irak nahezu täglich in die Höhe schrauben. Paul Bremer, US-Statthalter in Bagdad, beziffert den Finanzbedarf für den Wiederaufbau im kommenden Jahr „auf einige zig Milliarden Dollar“. Hinzu kommen Unterhaltskosten von 3,9 Mrd. $ pro Monat für die rund 180 000 US-Soldaten in der Region. Einflussreiche Senatoren wie John McCain fordern mit Blick auf die täglichen Anschläge eine noch teurere Aufstockung der Truppen.

Die USA haben jedoch bereits jetzt riesige Probleme, ihre aktuelle Truppenstärke aufrechtzuerhalten. Das unabhängige Haushaltsbüro des Kongresses kommt zu dem Schluss, dass ohne internationale Hilfe die Truppenzahl im nächsten Jahr auf 64 000 absacken könnte. Ein Horrorszenario angesichts der chaotischen Lage im Irak. Alternativen wäre ein Einsatz der Nationalgarde oder die kostspielige Aufstellung von zwei neuen amerikanischen Divisionen. Unterschätzt haben die USA auch die Kosten des Wiederaufbaus. „Wir sollen in den nächsten vier bis fünf Jahren 16 Mrd. $ in die Wasser- und 13 Mrd. $ in die Stromversorgung stecken“, sagt Bremer. Unterm Strich könnte die Gesamtrechnung nach inoffiziellen Angaben des Kongresses bald die Marke von 100 Mrd. $ überschreiten.

Auf der Einnahmenseite herrscht dagegen Ebbe. Das irakische Vermögen in den USA von mehr als 2 Mrd. $ ist nahezu verbraucht. Weitere 2 Mrd. $ liegen in anderen Ländern – bislang unerreichbar für die USA. Die Einnahmen aus den Ölexporten fließen so spärlich wie das Öl selbst. Veraltete Förderanlagen und Sabotageakte bremsen den Fluss des Rohstoffs. Die Exporte haben erst 30 % des Vorkriegsniveaus erreicht, durch den Ausfall der Nordpipeline gehen täglich Einnahmen in Höhe von 7 Mill. $ verloren.

Auf finanzielle Hilfe von außen können die Amerikaner bislang kaum bauen. Am Mittwoch fand in Brüssel zwar ein Auftakttreffen potenzieller Geldgeber statt. Konkrete Ergebnisse gab es jedoch nicht. Eine Wiederaufbauhilfe sei erst nach dem Ende der Gewalt möglich, befanden die Vertreter der EU, Japans, der arabischen Welt, des Internationalen Währungsfonds, der Uno und der Weltbank. „Wenn die Amerikaner die Verwendung der Mittel nicht transparent machen, wird es auch bei der Geber-Konferenz im Oktober in Madrid keine Fortschritte geben“, sagt ein Uno-Diplomat in New York. Die eigentliche Geberkonferenz soll am 23. und 24. Oktober in Madrid stattfinden.

Für US-Präsident George W. Bush wird die teure Quittung seines Irak-Abenteuers auch innenpolitisch zu einem Problem. Gerade hat das Haushaltsbüro des Kongresses das Budgetdefizit in 2004 auf rund 480 Mrd. $ oder 4,3 % des Bruttoinlandsproduktes geschätzt, da bastelt das Weiße Haus bereits an einem Notetat für den Truppeneinsatz und Wiederaufbau im Irak. 80 Mrd. $ hatte der Kongress im April für das Engagement im Irak insgesamt bewilligt – jetzt ist die Rede von weiteren „zig Milliarden“.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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