USA-Russland
Moskau: Obama fordert den Bären zum Tanz

Ob in Prag, Kairo oder Moskau - der Menschenfänger versucht immer wieder den gleichen Dreh. Ausufernd preist Barack Obama Kultur, Tradition und Stärke des Gastlandes - wohingegen das große Amerika doch gar nicht so toll sei.

MOSKAU. In Russland zitierte der US-Präsident ausführlich den Lokalhelden Alexander Puschkin - und räumte selbstkritisch ein: "Wir sind nicht perfekt."

Obamas Rede vor Absolventen der Moskauer New Economic School war als große, programmatische angekündigt. Tatsächlich schlägt er den ganz weiten Bogen. Er lobt Russlands Geschichte, seine "Maler, Komponisten, Tänzer und Wissenschaftler". "Die Welt braucht Russland", ruft der US-Präsident den jungen Russen im Innenhof des Gostinij Dwor, des alten Moskauer Markthauses, zu. Aber die Welt brauche nicht irgendein Russland, sondern "eine moderne Großmacht". Die Rede ist der Versuch, eine Verbeugung zu machen, ohne sich zu verbiegen. Russland Ehre erweisen und es doch mit seinen Schwächen konfrontieren.

Denn der Amerikaner lässt die kritischen Punkte keinesfalls aus - was bei seinem Gespräch mit Premier Wladimir Putin offenbar bereits zu Dissonanzen geführt hatte. Mit einer Stunde Verspätung waren Obama und seine Frau Michelle zum Redetermin erschienen, weil sich Putin, der sich nach wie vor als der starke Mann in Moskau fühlt, nicht mit einem 85-minütigem Frühstückstermin abfertigen ließ. Insgesamt sechs Stunden hatte Obama mit Präsident Dmitrij Medwedjew geplauscht, hatte mit einer Oppositionszeitung gesprochen und den Kreml-Kontrahenten Garri Kasparow getroffen.

Da mussten für Putin wenigstens zwei Stunden drin sein, die er dann auch bekam. Möglicherweise hatte Obama den zweiten Mann im Staate unterschätzt, den er in einem Interview noch als Politiker "mit einem Bein in der Vergangenheit" beschrieben hatte. Die Begegnung verlief dann wohl nicht ohne Friktionen. Enge Obama-Berater berichteten, dass "Putin sehr offen in seiner Meinung" gewesen sei. Der Ton sei respektvoll gewesen, aber "es gab eine Diskussion über harte Sicherheitsinteressen". Undiplomatisch gesagt: Freunde sind sie nicht geworden.

Der Premier war offenbar genervt, dass Obama auch in Moskau seine Botschaft einer neuen, auch politisch globalisierten Welt verkündet. Das 21. Jahrhundert fordere, so Obama, den Verzicht auf nationale Eigenbröteleien und Einzelinteressen. Denn auch die Bedrohungen wie Atomwaffen und Terrorismus würden keine Grenzen und Blöcke kennen.

Auch bei Russlands künftigen Wirtschaftsführern erntet Obama mit seiner Rede eher höflichen als begeisterten Applaus. Mit der Aussprache der russischen Namen muss er noch kämpfen, der seines Amtskollegen Medwedjew will ihm zunächst nicht über die Lippen kommen, am Vortag sprach er gar von "Präsident Putin". Aber immer wieder zeigt Obama, dass er im Gegensatz zu seinem Vorgänger George W. Bush eines verstanden hat: Wenn du etwas von Russland willst, musst du es ernst nehmen.

Das neue Russland dürfe sich bei seiner Standortbestimmung nicht von der Vergangenheit beeinflussen lassen, erklärte Obama. Es sei die Sichtweise des 20. Jahrhunderts, dass Russland und die USA gegensätzliche Interessen hätten und die Stärke des einen mit der Schwäche des anderen verbunden sei. Stattdessen wolle Amerika Russland entgegenkommen, etwa durch die Einbeziehung defensiver Raketensysteme in die Abrüstungsgespräche.

Und was ist mit der Demokratie? Ohne die sei es schwer, eine erfolgreiche moderne Gesellschaft zu bauen. Ihr könnt gerne machen, was ihr wollt - aber ihr werdet sehen, ohne geht es nicht, lautet Obamas Tenor. Zumindest im Medwedjew-Zirkel kommt die Botschaft an. Obama habe ihm gesagt, es gebe keine "perfekten Lösungen" in der Welt, erzählt Kreml-Berater Arkadij Dwarkowitsch. Früher sei das anders gewesen. Da hätten US-Präsidenten eine gekannt: "das amerikanische Modell".

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