USA und die Flüchtlingsfrage
Trump träumt von einer Berliner Mauer

Nicht nur Europa, auch die USA haben ein Einwanderungsproblem: An der Grenze zu Mexiko spitzt sich die Lage immer weiter zu. Dort sterben täglich Menschen – und die politischen Schuldzuweisungen werden immer drastischer.
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New YorkDie Bilder des LKW aus Österreich, in dessen Laderaum die Leichen von 71 Flüchtlingen gefunden wurden, sind in den USA kaum eine Nachricht wert. Denn so etwas ist in Amerika seit vielen Jahren traurige Realität. Wer in Texas morgens in Richtung mexikanische Grenze fährt, muss auf das Schlimmste gefasst sein. So wie Mike „Doc“ Vickers aus Brooks County, wenn er als Tierarzt bei dem Vieh seiner Kunden nach dem Rechten sieht. Er hat Fotos gemacht, von denen er einige – nicht die Grausigsten – der britischen „Daily Mail“ gezeigt hat.

Da ist der halbverweste Mann mit blankem Oberkörper, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, die Augenhöhlen leer. Die Falken waren schon da. „Er musste sich offenbar ausruhen, hat sich an den Baum gesetzt, und da ist er dann auch gestorben.“

Vickers ist Mitglied der Organisation „Texas Border Volunteers“, die versuchen zu retten, was zu retten ist. Oft vergeblich. Alleine von 2012 bis Mitte 2014 haben sie in Süd-Texas die Leichen von 259 Menschen gefunden, die illegal die Grenze in die USA überqueren wollten. Und nicht nur das: „Es sind unglaublich viele Frauen dabei.“ Frauen und Kinder – die Schwachen sterben zuerst.

Nicht nur Europa, auch Amerika hat ein Einwanderungsproblem. Die Flüchtlinge kämpfen sich bei Nacht durch die Wüstengrenze zwischen den USA und Mexiko, zu Fuß oder in klapprige Lastwagen gepfercht. Am Tag verdursten sie in der erbarmungslosen Hitze, werden von Schleppern im Stich gelassen, missbraucht oder als Sklaven in die Prostitution verkauft.

Wer das überlebt, der wird von amerikanischen Grenzpolizisten mit Hubschraubern und Drohnen gejagt, verhaftet oder deportiert. Erst im März wurden 36 bereits völlig unterkühlte Flüchtlinge bei einer Kontrolle im texanischen Falfurrias aus einem Kühlwagen befreit.

Nur die Wenigsten schaffen es, sich in die Anonymität einer der großen Städte zu retten, bevorzugt eine wie San Francisco. Es sind Städte, die sich den Status einer „Sanctuary City“ gegeben haben. Sie arbeiten mit den Bundesbehörden nicht zusammen, um Illegale zu finden und zu verhaften.

„Illegals“, Illegale: Das ist das Reizwort des Jahres. Nach Berechnungen des Forschungsinstituts PEW Research Center lebten 2014 unter den rund 321 Millionen US-Bürgern gut 11,4 Millionen undokumentierte Einwanderer. Vier von hundert Menschen auf Amerikas Straßen haben keine gültigen Papiere. Nach einem steilen Anstieg von 3,5 Millionen auf 12,2 Millionen in 2007 sank die Zahl wieder leicht.

52 Prozent davon, so PEW, kommen aus Mexiko, doch die Zahl der Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten, Asien und Afrika steigt seit rund acht Jahren leicht an. Stabil auf geringem Niveau ist die Zahl der europäischen Illegalen in den USA. Sie kommen normalerweise legal mit einem Touristen- oder Arbeitsvisa und bleiben dann einfach da.

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