Varoufakis bei Günther Jauch
Mittelfinger, Oligarchen-Krallen und Europas Sorgen

In einer asymmetrischen Günther-Jauch-Show präsentierte sich der charismatische griechische Finanzminister nun auch dem deutschen Primetime-Publikum. Die Diskussion wurde mit Respekt geführt – aber nicht ohne Schärfe.
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BerlinAm Ende einer bizarren Fernsehsendung sagte Günther Jauch zum zugeschalteten Stargast Yanis Varoufakis: „Herr Minister, das war sicher nicht einfach für Sie. Sie haben sich tapfer geschlagen.“ Das klang so gönnerhaft, wie es falsch war. Schwierig war es nun wirklich nicht für den griechischen Finanzminister. Dass jemand, der laufend international über Milliardensummen verhandelt, in einer Günther-Jauch-Talkshow Probleme bekommen sollte, war nicht zu erwarten und trat auch nicht ein.

Der umstrittene Finanzminister saß vor einer Bücherwand, die (anders als die Homestory in „Paris Match“, einer der jüngsten Aufreger) keinen Aufschluss über sein sonstiges Wohn-Umfeld gab, sprach englisch und wurde simultan übersetzt. Mal spielte er wortreich sein Charisma aus, mal sagte er ausführlich etwas ganz anderes als gefragt worden war.

Im Fernsehen war der über die gesamte Sendezeit zugeschaltete Gast häufig auf Bildschirmen im Hintergrund zu sehen, während die drei Studiogäste ihn offenbar auf einem Bildschirm vor sich sahen. Schon diese ungewohnte Bildschirm-Kommunikation ließ die Talkshow asymmetrisch wirken.

Frische Aufreger lieferte sie dennoch. Am größten wohl der, der unter dem Stichwort „#fingergate“ bei Twitter in Echtzeit zu kursieren begann. Hat Varoufakis 2013 sozusagen Deutschland den Mittelfinger gezeigt (beziehungsweise damals in einem Vortrag demonstriert, wie er Griechenland im Jahr 2010 geraten hatte, „Deutschland den Finger zu zeigen“)?

Ein Einspieler zeigte die auf Youtube zu findende Szene. Der Finger sei „rein montiert“ worden, sagte Varoufakis, es sei ein „unechtes Video“. Allerdings spricht wenig im Original (hier bei Min. 40:30) dafür, dass es sich um eine Fälschung handelt. Auch der offenkundige Urheber meldete sich inzwischen auf Twitter. Jauch kündigte schließlich an, die Echtheit des Videos noch einmal überprüfen lassen zu wollen.

Da bildete nur einen Randaspekt, dass der Simultandolmetscher den englisch sprechenden Griechen wiederholt mit der Aussage übersetzte, das Video sei „getürkt“. Noch so ein Übersetzungs-Problem blitzte am Ende auf. Jauch hatte ein anderes heißes Eisen deutschen Diskussionen über die griechische Regierung angesprochen - die aktuellen Reparationsforderungen zum Zweiten Weltkrieg.

Varoufakis lobte daraufhin, wie Deutschland „das Nazitum ... ausgemerzt“ habe. Ob gerade dieses Nazi-Verb im Kontext angebracht war – auch darüber ließe sich streiten.

Kommentare zu " Varoufakis bei Günther Jauch: Mittelfinger, Oligarchen-Krallen und Europas Sorgen"

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  • Die Stinkefinger-Affaire sagt doch viel darüber, was viele in Deutschland nicht verstehen wollen. Varufakis sagte dabei, Griechenland hätte die Hilfskredite nicht annehmen sollen und hätte Deutschland, gemeint den deutschen Banken, den Stinkefinger zeigen sollen. Nun aber muss die neue griechische Regierung die ganzen Altlasten der Korruption tragen, was sie nicht kann. Statt diese Wahrheit auszusprechen, soll die neue Regierung, die politisch nicht in die Vorstellung der europäischen Geld- und Sparpolitik passt, zum Scheitern gezwungen werden. Eine so reformorientierte und gemäßigte Linke wie jetzt in Griechenland wird es nicht wieder geben. Aber manche Deutsche wollen lieber geblendet vom nationalen Geldchauvinismus die Augen verschließen. Die griechische Regierung verhält sich europäischer als die deutsche, die ihre Machtposition statt sie für die Gestaltung Europas einzusetzen, verspielt.

  • Abgesehen davon, dass die angeblichen 800 Mrd. hinterzogenen Steuern in der Schweiz inzwischen auf 800 Millionen (nur…?) korrigiert wurden und abgesehen davon, dass ich der revanchistischen Politik eines gewissen Wladimir P. überhaupt nichts abgewinnen kann, stimme ich Herrn V. Meinhardt zu: Die verfehlte Euro-„Rettungs“-Politik der genannten Protagonisten und vieler kurzsichtiger Helfershelfer wird die Europäische Union zerstören. Das ist nur eine Frage der (vielleicht nur kurzen) Zeit. Während viele meiner Freunde und ich vor 15 oder 20 Jahren "die Griechen" eher mochten, dort Urlaub machten und ihre Produkte kauften (so denn welche trotz Überteuerung den deutschen Markt erreichten), "stinken" uns diese Abzocker heute nur noch. Nun wollen die dreisten Zeitgenossen auch noch einen "Marshallplan" - den sie via EU-Strukturfonds, Kohäsionsfonds und „Rettungspakte“ (ab 2010) seit Jahrzehnten haben! Damit bin ich bei Herrn H. Meier und den „verjährten Ansprüchen auf Wiedergutmachung“. Verfall von möglichen Ansprüchen hin oder her: Gerade Deutschland als größter Nettozahler in die erwähnten Instrumente hat Griechenland seit mindestens 1994 weit mehr Milliarden zukommen lassen, als jedwede denkbare „Wiedergutmachung“ ausmachen könnte. Dabei sind die ohne Wenn und Aber verlorenen Kredite an Griechenland nicht mitgerechnet. Wann endlich sagen unsere verantwortlichen Politiker das ihren nimmersatten griechischen Pendants?

  • Die Ansprüche sind doch längst verjährt, selbst wenn sie in der Sache überhaupt noch bestanden hätten. Verjährung wird teilweise auch im Völkerrecht anerkannt, und hier allemal wegen des stark zivilrechtlichen Einschlags. Wenn ein solcher zivilrechtlicher Anspruch wegen eines aufgezwungenen Darlehens erst eine ganze Generation später geltend gemacht wird, gilt Verjährung.

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