Varoufakis-Eklat: Kulturgeschichte des Stinkefingers

Varoufakis-Eklat
Kulturgeschichte des Stinkefingers

Ob der griechische Finanzminister Varoufakis Deutschland wirklich den „Stinkefinger“ gezeigt hat, ist weiter umstritten. Die Geste an sich tauchte schon im antiken Griechenland auf. Eine kleine Kulturgeschichte.
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MünchenHat Yanis Varoufakis Deutschland den „Stinkefinger“ gezeigt oder hat er nicht? In der Talksendung „Günther Jauch“ bestritt Varoufakis Sonntagabend vehement die obszöne Geste und nannte ein entsprechendes Video eine Fälschung. Jauchs Redaktion sieht dafür aber bisher keine Anzeichen. In der „Stinkefinger“-Historie vieler Prominenter wäre eine Fälschung ein Novum – bislang ließ sich der Finger nicht wegdiskutieren.

Das Phänomen des „Stinkefingers“ tauchte schon in der ausgehenden Antike auf. Ursprünglich trugen Ärzte Salben mit dem längsten der Finger, also dem Mittelfinger auf, weil sie damit am tiefsten in Körperöffnungen eindringen konnten. Doch der Mittelfinger galt zunehmend als obszön. Er wurde deshalb als der digitus impudicus, der schamlose Finger, bezeichnet. Ärzte gingen dazu über, Salbe mit dem Zeigefinger aufzutragen.

Der Grund für dieses obszöne Empfinden war auch, dass der längste Finger als Phallussymbol angesehen wurde. Schon vor den Römern sprachen daher die Griechen vom Mittelfinger als „dem geilen“ Finger. Der Philosoph Diogenes Laertios streckte etwa in diesem Bewusstsein dem berühmten Athener Redner Demosthenes zu dessen Bloßstellung den Mittelfinger entgegen.

Belegbar ist, dass die erst in der neueren Zeit als „Stinkefinger“ bezeichnete Geste sich ab den 1960er Jahren als Beleidigungsgeste ausbreitete. US-Sänger Johnny Cash zeigte bei seinem legendären Auftritt im Gefängnis von San Quentin 1969 die Geste in die Kamera, das Bild davon wurde weit verbreitet.

In Deutschland sorgte 1994 Fußballer-Nationalspieler Stefan Effenberg für einen Skandal, er musste wegen des gegen Fans gerichteten „Stinkefingers“ vorzeitig von der Weltmeisterschaft in den USA nach Hause reisen. Der eigentlich als Gentleman geltende Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld wurde 2012 für zwei Spiele als Schweizer Nationaltrainer gesperrt, weil er in einem WM-Qualifikationsspiel die Geste zeigte.

Einer der bekanntesten Fälle der jüngeren Zeit ist der von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im vergangenen Bundestagswahlkampf. Steinbrück zeigte auf der Titelseite des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ den „Stinkefinger“, er reagierte damit auf die Kritik an seinem an Pannen reichen Wahlkampf. Das Echo fiel massiv und negativ aus. Ursprünglich verteidigte Steinbrück die Geste, im Rückblick bezeichnete er sie als Fehler.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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  • Die Bezeichnung "Stinkefinger" für diese Geste ist pubertär, unreflektiert und nach meiner Kenntnis rein deutsch - neudeutsch.
    Worin sollte da überhaupt die Beleidigung bestehen? Wer etwa erfolgreich seinen Finger mit olfaktorischen Folgen in dem dafür am besten geeigneten ausschließlich weiblichen Organ untergebracht hätte, könnte sich dessen in Kreisen junger Männer doch eher rühmen, als dass ihm das als Schande entgegengehalten werden könnte.

    Man ist der Bedeutung eher auf der Spur, wenn man sich z. B. den in Frankreich dazu gehörenden Kommentar vergegenwärtigt. Der lautet ggf.: "Va te faire enculer, espèce de con!"
    Es geht also um die Aufforderung, dass sich der Gemeinte auch im sexuellen Sinne zur "Minna machen" lässt. Wie das im Bedarfsfall geht, wissen vermutlich Wowereit & Co.

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