Varoufakis' Rücktritt „Ich trage die Abscheu der Geldgeber mit Stolz“

Griechenlands Finanzminister schmeißt hin – trotz des Siegs der „Nein“-Seite. Yanis Varoufakis wird noch am Montag zurücktreten und will damit den Weg freimachen für neue Verhandlungen mit den Gläubigern.
Update: 06.07.2015 - 09:08 Uhr 106 Kommentare

„Varoufakis war das Beste, was uns passieren konnte“

Athen„Minister No More!“, Nicht mehr Minister! – das klingt wie ein Ruf der Befreiung. Unter dieser Überschrift verabschiedete sich Yanis Varoufakis am Montagmorgen in seinem Blog von seinem Amt als griechischer Finanzminister. Damit wirft der im Ausland umstrittenste, bei den Griechen aber populärste Minister des Kabinetts von Alexis Tsipras das Handtuch.

Dabei ist heute eigentlich der Tag seines größten Triumphs. Es ist der Tag nach dem „Nein“ bei der Volksabstimmung, dem „großartigen Nein“, wie Varoufakis in seinem Blog schreibt. Ein Abstimmungsergebnis, das „in die Geschichte eingehen wird als ein einzigartiger Moment, in dem eine kleine europäische Nation sich gegen seine Schuldenfesseln erhob“.

Nun, so schreibt Varoufakis, müsse man dieses Nein ummünzen in ein Ja zu einer Lösung der Probleme, in eine Übereinkunft mit den Gläubigern, das „eine Umstrukturierung der Schulden, weniger Spardruck, Umverteilung zugunsten der Bedürftigen und echte Reformen“ enthalte.

Daran wird Varoufakis aber nicht mehr beteiligt sein. Rücktrittspläne wurden ihm schon lange nachgesagt, aber jetzt geht er offenbar nicht ganz freiwillig: Nach dem Ergebnis des Referendums hätten einige Euro-Gruppen-Mitglieder den Wunsch geäußert, dass Varoufakis an den nun geplanten Treffen nicht teilnehme. Premierminister Tsipras habe es für hilfreich gehalten, auf diesen Wunsch einzugehen. „Deshalb verlasse ich heute das Finanzministerium“.

In Kreisen der griechischen Linken eilte Varoufakis bei seinem Amtsantritt Ende Januar der Ruf eines Star-Ökonomen voraus. Nach dem Studium der Mathematik an der Universität Essex lehrte Varoufakis als Dozent in Sydney, Athen und Texas. Bei seinen Studenten war Varoufakis beliebt – wohl auch, weil der kahlköpfige, modisch gekleidete, sportliche Akademiker, dem man seine 53 Jahre nicht ansieht, so gar nichts vom Habitus eines Professors hat. 2012 verhalf ihm sein Spezialgebiet, die Spieltheorie, zu einem Beratervertrag der Computerspielfirma Valve Corporation.

Was sein Motorrad über Varoufakis verrät
Varoufakis und Frau Danae auf Yamaha XJR1200
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Der frisch zurückgetretene Varoufakis mit Sozia-Ehefrau in Athen: Dass er auf einem Motorrad zum Ministerjob fuhr, verlieh ihm etwas Unangepasstes. Seine Frau ohne Helm mitzunehmen, erscheint indes etwas unangebracht, obwohl...

These 1: Er liebt das Risiko
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Im Vergleich zum Autofahrer hat der durchschnittliche europäische Biker im direkten Vergleich ein 16-fach höheres Risiko auf der nächsten Fahrt zu sterben. Wer trotzdem fährt, zumal im griechischen Stadtverkehr, muss es besonders eilig haben.

Was an dem Bild nicht stimmt
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Varoufakis ist vorliegenden Bildbeweisen zufolge meist ohne Protektoren und angemessene Schutzkleidung unterwegs. Der 53-Jährige unterliegt damit der eigentlich unter jüngeren Bikern weit verbreiteten Hybris: Er glaubt, er habe alles unter Kontrolle und der Tod klopfe nur an Nachbars Tür.

These 2: Er ist flexibler als andere
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Motorradfahrer brechen im Berufsverkehr gerne mal die Regeln, wenn es eng wird. Sie wechseln überraschend die Spur, überholen aus dem Windschatten und geben anderen Verkehrsteilnehmern kaum eine Chance, ihre Geschwindigkeit richtig einzuschätzen. Irgendwie kommt einem das ja von den Verhandlungen mit den Gläubigern vertraut vor.

Was an dem Bild nicht stimmt
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Varoufakis fährt gar kein besonders wendiges Motorrad, sondern ein tourentaugliches Naked Bike. Die Yamaha XJR 1300 gibt es schon seit mehr als 20 Jahren, sie ist weder besonders sportlich, noch stadttauglich. Ihre Abmessungen sind nicht kompakt. 98 PS braucht in der Stadt auch niemand.

These 3: Er ist ein harter Typ
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Wer als Politiker öffentlich Motorrad fährt und keine Gelegenheit auslässt, die Maschine und Lederjacke ins Bild zu rücken, geht damit ganz bewusst auf optische Distanz zum Anzugträger, der mit Bügelfalte dem Oberklasse-Dienstwagen-Fond entsteigt. Wer dagegen selber das Bein über Ledersattel schwingt, den Gasgriff aufdreht, zeigt Dynamik.

Was an dem Bild nicht stimmt
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Durch eine schwarze Lederjacke wird man ebensowenig zum Rocker, wie durch Glatze zu Kojak. Motorrad fahre er seit seinem 15. Lebensjahr, sagte Varoufakis dem Guardian. Aber meist bei schönem Wetter. Oft steigt er von der schwarzen Yamaha um in einen saftlosen kleinen Toyota. Das Bild vom Halbstarken war ihm sicherlich für seine EU-Krisenverhandlungen nicht unangenehm. Aber es ist ein von den Medien aufgebauschtes Image, mit dem er nur spielt.

Schon als Oppositionsführer holte Alexis Tsipras den Ökonomen in sein Beraterteam und überredete ihn dann, sich bei der vorgezogenen Parlamentswahl um ein Mandat zu bewerben. Im Wahlkreis Athen 2 bekam Varoufakis mehr Stimmen als jeder andere Kandidat irgendeiner Partei.

Varoufakis gilt als brillanter Analytiker, aber auch als ein eitler, streitsüchtiger Querkopf, der gern provoziert. Gastgebern streckt er die rechte Hand entgegen, während er die linke tief in seiner Hosen- oder Jackentasche vergräbt. Manche halten das für unhöflich, Varoufakis findet es wohl cool. Er will anders sein. Der neue Finanzminister fuhr nicht im Fonds einer Limousine zu den Konferenzen in der Villa Maximos vor, dem Amtssitz von Ministerpräsident Alexis Tsipras, sondern mit dem Motorrad.

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106 Kommentare zu "Varoufakis' Rücktritt: „Ich trage die Abscheu der Geldgeber mit Stolz“"

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  • ohh, der Arme. Wenn das die Art ist, wie Giechenland Geschäfte macht, wundert es nicht, dass Griechenland da steht, wo es steht. Mein Gott, es reicht halt nicht, mit kahlgeschorenem Schädel und engen Shirts Motorrad zu fahren und mit spieltheoretischem Ansatz und Provokationen einen Gipfen nach dem anderen zu generieren und die Zeit und das Geld der anderen zu verschwenden.

  • Vielleicht lese man mal folgendes Essay:

    http://www.cicero.de/kapital/varoufakis-und-sein-drehbuch-zur-griechenlandkrise-grexit-und-graccident-es-laeuft-doch

  • Mach das und zieh leine....!!!

  • veehrter Herr Giannis Pissinger;

    sie schreiben viel und verstehen wenig.
    Aber mit Tauben spielt man keinen Schach und mit ihnen zu diskutieren, kommt auf das selbe Ergebnis.

    Schade

  • @T.Albers
    1.) Den GR empfehlen ihre einsatzbereiten € Druckerpressen anzuwerfen und sich damit selber zu entschulden.
    2.) Als Wiedergutmachung die überschüssigen Scheine per LKW nach Deutschland bringen und in jeder Stadt kostenlos an die Bürger verteilen. Das kurbelt auch hier die Wirtschaft an, Draghi wäre dann arbeitslos und die EU bricht zusammen.
    3.) Als Bürger dieser Bananenrepublik sich endlich der politischen Diktatur entgegenstellen und zivilen Ungehorsam praktizieren, wo immer möglich.
    In einer Demokratie geht alle Gewalt vom Volke aus, also dann mal zu

  • @Kuettel
    Alleine Ihre Frage, zeigt wie verwirrt Sie sind.
    Ich empfinde Ihren Kommentar als Lob.
    Besten Dank!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Was die EU Politik hier praktiziert und forciert durch unsere „Leitmedien“befördert stellt leider die Programmatik der AfD noch in den Schatten. Der Krieg gegen ein kleines Mitglied der EU wurde ausgerufen und alle machen mit. Mal sehen wo das hinführt.

  • @Teissi
    Demokratie braucht Mut und Tugend.
    Macht nichts, dass Sie ihn (noch) nicht haben.
    Immer mehr Menschen haben ihn.
    Immer mehr Menschen verstehen, was hier abgeht.

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