Varoufakis-Rücktritt via Twitter
Weltpolitik in 40 Zeichen

Yanis Varoufakis gibt überraschend seinen Rücktritt bekannt – und sorgt damit für Aufregung. Auch weil er seinen Abgang via Twitter inszenierte. Es ist jedoch kein Zufall, dass der Finanzminister diese Plattform wählte.
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DüsseldorfKeine Pressekonferenz oder Regierungserklärung, sondern ein Blogeintrag, verbreitet via Twitter. Auch diese Art und Weise teilt Yanis Varoufakis der Welt mit: Das war es mit dem Job des Finanzministers. „Minister No More!“ – in 17 Zeichen und Link vermeldet der Ökonom seinen Rücktritt kurz und knapp und verweist auf den dazu gehörigen Eintrag in seinem Blog. Er wolle zukünftigen Verhandlungen nicht mit seiner Anwesenheit im Wege stehen.

Nachdem die Griechen am Sonntag der Empfehlung ihrer Regierung nachgekommen waren und die EU-Reformvorschläge in einem Referendum abgelehnt hatten, überraschte der Rücktritt. Noch erstaunlicher ist jedoch die Form seiner Ankündigung. Normalerweise laden Politiker zu eilig berufenen Pressekonferenz oder geben eine offizielle Erklärung über das zuständige Ministerium heraus. Ganz anders machte es Varoufakis.

Gerhard Vowe, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, identifiziert die Beweggründe für die Wahl des Kurznachrichtendienstes. Zum einen erreiche Varoufakis auf diesem Weg direkt seine unmittelbare Zielgruppe, darunter die Journalisten, die dann ihrerseits entsprechende Kanäle bespielen: „Vor allem die ausländischen Journalisten und sonstige Multiplikatoren.“

Zudem könne er seine Zielgruppe ungefiltert erreichen, ohne befürchten zu müssen, dass seine Ursprungsmeldung schon in den Redaktionen verändert wird: „Er kann so einen 'Bypass' legen und den journalistischen Filter umgehen.“ Hinzu komme noch die Schnelligkeit der Verbreitung und die Resonanz: „Er bekommt unmittelbar Rückmeldungen, kann also einschätzen, wie die Nachricht angekommen ist“, sagt Vowe.

Dass es gerade Varoufakis ist, der diesen ungewöhnlichen Weg der Rücktrittserklärung wählt, überrascht nicht. Denn der nun ehemalige Finanzminister gibt sich gerne unkonventionell: In Brüssel verhandelte Varoufakis mit geöffnetem Hemdkragen zwischen den krawattentragenden Kollegen, in Athen fuhr er auf dem Motorrad zur Arbeit. Außerdem unvergessen: die Debatte um den ausgestreckten Mittelfinger.

Zur Inszenierung der Lässigkeit und Unangepasstheit passt auch seine Rücktrittserklärung, sagt Vowe: „Außenseiter, modern, polyglott, unkonventionell und spontan. Er wollte immer als Rock-n-Roller der europäischen Finanzpolitik in die Geschichte eingehen – dazu passen diese Kommunikationskanäle.“

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„Kein Normverstoß“

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